Die Suche
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Copyright by Atrania aka Birgit Hoff
Kapitel 1 - Neues Leben
Es ist Nacht in dem Teil Aurelans, in dem diese Geschichte beginnt. Eine kalte, regnerische Nacht, nur unterbrochen von gelegentlichen Blitzen, die mit ihrem blauen Licht die Welt in sekundenlange Helligkeit tauchen.
Nahe an einem See steht eine einfache Holzhütte mit einem ins Wasser gebauten Steg. Der Wind peitscht das Wasser auf und der Donner rollt laut über den unruhigen See. Hinter der Hütte tappen behäbige große vierbeinige Wesen auf der Suche nach Freßbarem über die kleine Insel, auf der das Blockhaus steht. Kleinere und wesentlich schnellere Wesen hüpfen auf zwei Beinen ab und zu bis direkt an die Hütte heran. Auf ihren kräftigen Hinterläufen stehen sie nahe der Wand und schnuppern in den Wind, bevor sie sich wieder abwenden und davonhüpfen. Doch von ihnen droht derzeit keine Gefahr. Die dunklen Wesen jedoch, die in Kapuzenmäntel gehüllt 20 cm über dem Boden auf der Insel herumschweben sind eine tödlich Gefahr. Ihre Blitze können erheblichen Schaden zufügen und es war schon vorgekommen, das eines der Wesen durch die Wand schwebte und wahllos Blitze schleuderte.
So laut und wild es vor der Hütte auch zugeht, so still ist es in ihrem Inneren. Auf Zehenspitzen schleichen zwei der derzeit drei Bewohner über den Holzboden. Ein Mann ist es und ein Kind. Ihre Hautfarbe schimmert in einem leichten grün und Flügel wachsen aus ihrem Rücken. Die Flügel des Kindes sind bläulich, die des Mannes hell golden. Es sind Wesen aus dem Volk der Lichtelfen. Rastlos laufen beide in der Hütte hin und her. Sie tun es sehr leise, doch läßt ihre Körperhaltung auf extreme Anspannung schließen.
Plötzlich ein leises Keuchen aus einem Nebenraum. Das Kind springt vor und will den Vorhang zur Seite reißen, die den Nebenraum vom Hauptraum trennt. Doch der Mann ist schneller und hält das Kind sanft von seinem Vorhaben ab. Mit einem leisen Lächeln und einen bedauernden, doch ungleich energischem Kopfschütteln hält der Mann das Kind am Arm fest und zieht es zurück in die Mitte des Raumes. Dort nehmen beide ihre Wanderung wieder auf. Dann ein erneutes Keuchen, gefolgt von einem spitzen Schrei und gleich darauf dem leisen Wimmern, wie es Neugeborene ausstoßen. Nun ist der Mann nicht mehr zu halten. Mit drei Flügelschlägen ist er am Vorhang und zieht diesen zur Seite. Auf dem kleinen Lager, das kaum zwei Erwachsenen Platz bietet, liegt eine Frau. Ihre ebenfalls grüne Haut ist schweißnass und die schwarzen Flügel auf ihrem Rücken sind ganz zerknittert. Neben der Frau liegt ein kleines, grünes Etwas. Und dieses Etwas sieht irgendwie… hm… faltig aus. Seine durchsichtigen Flügelchen sind noch nass und liegen eng am seinem kleinen Rücken. Es hat aufgehört zu wimmern und schaut nun mit großen neugierigen Augen die drei Personen an, die da direkt in seinem Gesichtsfeld auf ihn runterschauen. Die Freude der Drei über das neugeborene Wesen leuchtete in ihren Augen. Stumm, aber glücklich kuscheln sich alle aneinander und geniessen das Gefühl, das das kleine Wesen in ihr Haus gebracht hat.
Kapitel 2 - 12 Jahre später
Ein sonniger Tag zieht über der uns bekannten Hütte auf. Das damals gerade Neugeborene hört nun auf den Namen Cascade. Doch gerufen wird sie nur Cassie. Cassie war zu einer hübschen Lichtelfe herangewachsen, die ein relativ sorgloses Leben führte. Zwar hatten die Eltern und ihre ältere Schwester ihr schon früh beigebracht, wie die Wesen auf der Insel hießen und welche Gefahren sie darstellten, doch sie hielt sich ohnehin möglichst nur nahe bei der Hütte auf und beobachtete die Wesen lieber. Da waren die Raptioden, die auf ihren zwei kräftigen Hinterläufen sehr schnell waren und kräftig zubeissen konnten. Die Narioden, die sehr behäbig waren, nicht viel Schaden verursachten aber sehr widerstandfähig waren. Dann natürlich noch die schwebenden, Blitze schleudernden Dunklen Seelen. Sie hatte ebenfalls gelernt, dass sie sich – gemeinsam mit anderen – gegen sie wehren kann. Doch noch hielt Cassie sich nach Möglichkeit von den Wesen fern und flatterte lieber davon, sollten sie ihr doch einmal zu nahe kommen.
Während ihre Familie noch in tiefem Schlummer lag, war Cassie sehr aufgeregt und fand keinen Schlaf mehr. Heute war der Tag, an dem sie alle gemeinsam zuerst nach Nuro-Stadt und von da aus zu einem geheimnisvollen Ort namens Tassiah gehen wollte. In Nuro-Stadt war Cassie schon oft gewesen und die letzten paar Male auch mal alleine mit ihrer Schwester, Divine. Doch in Tassiah war sie noch nie und so hüpfte sie nervös auf der Veranda herum und wartete sehnsüchtig darauf, dass der Rest endlich mal aufwachen würde. Mit Absicht machte sie auf dem alten Holzboden mehr Lärm, als unbedingt notwendig und warf immer wieder Blicke, ob diese nicht endlich mal aufgehen würde. Als sie dann nach vielen vergeblichen Blicken tatsächlich aufging, erschrak sie so sehr, dass sie fast ins Wasser gefallen wäre. Ihr Vater guckte doch recht brummig zu ihr herüber und schien gerade Luft für ein Donnerwetter zu holen. Doch da rief von innen ihre Mutter: „Reg Dich nicht auf, Roc… sie ist halt neugierig und aufgeregt. Und jetzt, wo Du sowieso wach bist, lohnt es sich nicht mehr, sie auszuschimpfen. Also komm herein und lass uns gemeinsam frühstücken.“ Roc warf seiner Jüngsten noch einen bösen Blick zu und ging dann hinein.
Cassie schnaufte kurz durch und dankte im Stillen ihrer Mutter, dass sie sie gerettet hatte. Ihr Vater war ein gerechter Mann, doch er konnte sehr böse werden, wenn er aus dem Schlaf gerissen wurde. Sie hatte einfach nicht mehr daran gedacht und schämte sich jetzt doch ein bisschen, weil sie soviel Lärm gemacht hatte. Doch dieses Gefühl hielt nicht lange an. Die Freude und Erwartung auf den kommenden Ausflug war einfach zu groß. Mit einem Satz war sie an der Tür. Dort fing sie gerade noch einen warnenden Blick ihrer Mutter auf. Züchtig und beschämt senkte sie den Kopf und tappste leise an den Tisch. Sie stellte sich neben ihren Vater und sagte: „Es tut mir leid, Vater! Ich wollte Dich nicht wecken!“ Roc blickte auf seine Tochter, wie sie so da stand und beschämt ihre Fußspitzen betrachtete, während ihre goldgelben Haare wie ein Vorhang über ihrem Gesicht hingen. Das war auch gut so, denn Cassie zappelte innerlich vor Ungeduld und ihre Ergebenheit war nicht ganz ehrlich. Roc wußte dies sehr wohl und mußte angesichts des tapferen Versuches, die brave Tochter zu spielen, doch schmunzeln. Er blickte kurz belustigt zu seiner Frau Elen herüber und entließ dann seine Tochter mit einem Klaps auf den Arm und brummte: „Schon gut, Cassie!“ Mit einem Seufzer flitze sie zu ihrem Stuhl und grinste Divine breit an, die genauso breit zurückgrinste.
Am Tisch sitzend merkte Cassie, wie hungrig sie war. Und das, obwohl sie vor zehn Minuten noch gedacht hatte, keinen Bissen runterzubekommen. Nach dem ausgiebigen Frühstück halfen alle schnell beim Abdecken des Tisches und beim Aufräumen, denn die kribbelige Aufregung von Cassie hatte jetzt alle angesteckt und sie wollten los.
Und dann endlich war es soweit. Sie flatterten den Bootssteg entlang und weiter quer über das Wasser bis zur ersten Flussmündung. In den Fluss bogen sie dann ein und hielten sich möglichst in der Mitte des selben. Als Cassie noch klein war, hatte sie gefragt, warum sie immer über dem Wasser flogen, wenn es irgendwie möglich war. Heute wusste sie es natürlich. Die Wesen, die diesen Cassie bekannten Teil der Welt bevölkerten, konnten ihnen ins Wasser nicht folgen. Auch wenn die Kapuzen-tragenden und Blitze schleudernden Wesen ebenfalls über das Wasser schweben konnten, so griffen sie doch nicht an. Vielleicht hatten die Wesen Angst, dass die Blitze auf sie zurückgeschleudert wurden, wenn sie die Wasseroberflächen trafen? Sicherlich war es für ihre Eltern nicht wirklich ein Problem den hier lebenden Wesen das Leben zu nehmen. Doch es strengte sie an und sie verloren Energie. Und so zogen sie es vor, den sicheren Wasserweg zu nehmen, so lange es ging. Das letzte Stück mußten sie ohnehin über Land gehen und sich dann wohl dem Kampf stellen.
Sie erreichten die Stelle, an denen sie den Fluss verlassen mussten und flatterten in direkter Linie auf Nuro-Stadt zu. Ihnen begegneten nur wenige Monster, dafür aber einer großen Gruppe gemischter Rassen. Cassie konnte Menschen, Schwertkämpfer, Magier und auch einen Lichtelfen in der Gruppe sehen, die munter alle Monster ins Jenseits beförderten, die ihnen begegneten. Cassie hatte nie begriffen, wie man die Viecher aus Spass töten konnte. Allerdings wusste sie, dass es für das Vorwärtskommen und die eigene Ausbildung sehr wichtig war. Auch sie trainierte an den Wesen, hatte aber keinen Spass daran, weil sie mit ihrer kleinen Waffe kaum Schaden ausrichtete.
Cassie war so in die Betrachtung der Gruppe vertieft, dass sie den Anschluss an ihre Familie verloren hatte. Fast erschrocken sah sie, dass ihre Eltern schon fast die Grenze zur Stadt erreicht hatten und sie ziemlich alleine da stand. Die Fähigkeit ihrer Teleportation nutzend, hüpfte sie mit zwei Sätzen neben ihre Schwestern und trat gleichzeitig mit ihr in die Sicherheit der Stadt.
Kapitel 3 - Erste Eindrücke von Tassiah
Nicht wie sonst, gingen die Eltern erst zu einigen Händler, sondern flatterten gleich auf das große Teleportationsportal zu. Diesmal hielt Cassie sich nahe bei ihren Eltern und wich ihnen nicht von der Seite. Direkt vor dem Portal blieben sie stehen. „Also Cassi,“ sagte ihre Mutter zu ihr. „Du gehst jetzt einfach auf dieses Portal zu. Sobald Du nahe genug heran bist, wirst Du aufgefordert, Dein Ziel anzugeben. Du weißt ja, dass dieses Portal Dich auch zu anderen Stellen unserer Welt bringen kann. Aber bitte gib acht, dass Du das richtige Ziel eingibst. Denn Dein Vater und ich haben keine Lust, Dich überall zu suchen.“ Cassie nickte verschüchtert. Jetzt, wo die Reise direkt bevor stand, war ihr doch mulmig zumute. „Du gehst zuerst, Roc und nimmst dann Divine in Empfang. Anschließend schicke ich Cassie durch und komme dann nach!“ Ohne ein weiteres Wort, aber mit einem aufmunternden Kopfnicken gingen Roc und Divine zum Portal und waren wenige Sekunden später verschwunden. Cassie trat zögernd an das Portal heran und machte dann mutig den letzten Schritt. Fast zeitgleich wurde sie aufgefordert, an der vor ihr auftauchenden Tafel das Ziel anzuklicken. Schnell tippte sie auf den Schriftzug „Tassiah“. Die Tafel verschwand und Cassie hatte das Gefühl, als würde sie bei einem sehr heftigen Sturm mitten auf dem heimschen See stehen. Luftwirbel packten ihre zierliche Gestalt und wirbelten sie sekundenlang hin und her. Dann plötzlich hörte das Geschüttel auf. Verwirrt öffnete sie vorsichtig die Augen, die sie während der Reise ängstlich zugekniffen hatte. Heller Sonnenschein begrüßte sie. Cassie blinzelte noch immer in das helle Licht, als die Hand ihrer Mutter sich beruhigend auf ihre Schulter legte. Gemeinsam machten sie einige Schritte nach links auf Roc und Divine zu. Ihre Schwester grinste breit und fragte: „Na? Wie war’s?“ Doch Cassie ging gar nicht auf die Frage ein. Zu aufregend waren die Eindrücke der fremden Stadt, die da plötzlich auf sie einprasselten. Nachsichtig nahmen ihre Eltern sie in die Mitte und führten sie langsam die Händlerstrasse entlang.
Cassie wußte bald nicht mehr, wo sie zuerst hinschauen sollte. Die Ware der Händler fand sie wahnsinnig interessant, doch auch die vielen anderen Rassen, die sich hier tummelten, schlugen sie in den Bann. Da gab es Magier in unterschiedlichster Kleidung. Schwertkämpfer-Frauen, die Waffen trugen, die viel zu groß und schwer für sie wirkten. Männliche Menschen, die mit einer leichten Arroganz ihre Waffen zu Schau trugen. Und es gab auch einige Vertreter ihrer eigenen Rasse. Doch diese waren in der Unterzahl. Einen kleinen spitzen Schrei stieß sie aus, als eine Magierin an ihr vorbeilief, hinter deren rechter Schulter ein kleiner Drache flog. „Mutter! Sieh doch nur! Was ist das? Das sieht ja sooooo niedlich aus!“ Und Elen lächelte zu ihr herunter und sagte: „Dies ist ein Draci. Viele Rassen halten sich diese kleinen Drachen als Haustier und Weggefährte. Es schlüpft aus einem Ei, welches Du selber ausbrüten mußt.“ – „Ich will auch eines, Mutter! Darf ich?? Bitteeee!“ Doch ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Nein, Cassie. Du bist noch viel zu klein, um die Verantwortung für so ein Tier übernehmen zu können. Du mußt erst einmal selbst für Dich sorgen können, Deine Ausbildung beginnen und abschließen und gegen Gegner bestehen, die gefährlicher sind, als die Raptioden, die Du von zu Hause kennst. Und zu diesem Zweck sind wir auch hier. Du wirst an diesem Ort Deine Ausbildung beginnen.“ Cassie schaute zu ihrer Mutter hoch. Was sollte sie hier? Eine Ausbildung beginnen? Aber dazu hatte sie überhaupt keine Lust!! Ein Schatten legte sich über ihr kleines Gesicht und plötzlich kam ihr Tassiah nur noch halb so schön vor. Doch die Eltern nahmen Cassie wieder zwischen sich und schoben sie sanft weiter.
Die Neugierde siegte schließlich über ihre Verstimmung. Doch gerade als sie wieder hochschaute, waren sie wohl dort angekommen, wo ihr Ausflug erstmal endete. Vor Cassie stand eine Lichtelfe, mit genauso hübsch glänzenden Flügeln, wie ihr Vater sie trug. Sie sah nicht sehr alt aus, hatte sehr jugendliche Züge, und trotzdem strahlte sie eine Ruhe und Sicherheit aus, die nur Wesen besitzen können, die schon sehr viel Erfahrung in vielen Jahren sammeln konnten. Ihr Vater begrüßte die Lichtelfe mit einer Verbeugung und den Worten: „Ich grüße Euch, Sha-Ani, Weise Frau und Hüterin der Geheimnisse!“ Sha-Ani nickte ihrem Vater zu und antwortete: „Auch ich grüße Euch, Roc. Vater zweier Töchter und Hüter der Insel.“ – Cassie runzelte die Stirn. Ihr Vater war der Hüter der Insel?? Das war ja ganz was neues für sie. Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, verbeugte sich ihre Mutter vor Sha-Ani und begrüßte sie mit den gleichen Worten wie zuvor ihr Vater. Sha-Ani antwortete: „Ich grüße Euch Elen, Mutter der zwei Töchter und Ehefrau des Hüters der Insel!“ Gespannt schaute Cassie auf ihre Schwester, doch die stand nur mit gesenktem Kopf da und sagte nichts. Sie blickte zu ihrer Mutter, die ihr aufmunternd zunickte. Mit leiser Stimme sprach sie den Satz ihrer Eltern nach. Kaum war sie verstummt, lautete die Antwort: „Und ich grüße Dich, Cascade, Tochter des Hüters der Insel und Sucherin!“ Wieder einmal war Cassie verwirrt und sie blickte Sha-Ani zum ersten Mal direkt in die Augen. „Sucherin?“ platzte es aus ihr heraus. Elen stupste sie kurz in die Seite, doch Cassie achtete nicht darauf. Sie blickte weiter in das nun lächelnde Gesicht Sha-Ani’s und wartete gespannt auf Antwort. „Ja, Cascade, Du bist eine Sucherin. Doch dies ist nicht der richtige Ort, Dir die Bedeutung zu erklären.“ Mit diesen Worten wandte sie sich Roc zu und sagte: „Hüter der Insel. Komm mit Deiner Familie heute abend in mein Haus am Rande des großen Platzes. Ich erwarte Euch bei Sonnenuntergang.“ Sie nickte noch einmal allen zu und es war klar, dass sie nun gehen sollten. Und so nahm Roc Cassie an die Hand und Elen schnappte sich Divine, die immer noch kein Wort gesagt hatte. Doch darüber wunderte Cassie sich erst später.
Kapitel 4 - Bis zum Abend
Cassie und ihre Familie gingen gemütlich die Handelsstrasse zurück. Doch diesmal hatte Cassie keinen Blick für die Händler oder Rassen. Still und nachdenklich lief sie neben ihrer Mutter her. Auch Divine war seltsam still. Roc lief ein paar Schritte voraus, um beim Archäologen einige Schriftrollen gegen Laim umzutauschen. Nach erfolgreichem Handel gingen die vier noch ein wenig weiter, um etwas Nahrung zu kaufen und sich anschließend einen ruhigen Platz zu suchen und die gekauften Leckereien zu verzehren. Divine hatte nach dem Mahl zu ihrer alten Geschwätzigkeit zurückgefunden und genau dieser abrupte Wechsel zwischen völliger Stille von ihr und diesem Wasserfall-ähnlichen Geplapper riss auch Cassie aus ihrer Nachdenklichkeit. „Warum hat Sha-Ani Divine nicht begrüßt??“ platzte es aus ihr heraus.
Nach dieser Frage herrschte zunächst beklommene Stille und Cassie fragte sich – wieder einmal – ob sie ihre vorlaute Klappe nicht lieber gehalten hätte. Gerade, als sie sich entschuldigen wollte, räusperte sich ihr Vater und meinte: „Vor einigen Jahren - Du warst noch zu klein, um mitzukommen – sind Deine Schwester und ich zu Sha-Ani gegangen, damit auch Divine ihre Ausbildung beginnen kann. Sha-Ani hatte Divine damals begrüßt mit den Worten: Ich grüße Dich, Divine, erste Tochter des Hüters der Insel und Zweifelnde. Wir wußten damals nicht, was Sha-Ani mit ’Zweifelnde’ meinte. Doch schon wenige Wochen nach Beginn der Ausbildung, stellte sich die Bedeutung heraus. Divine stellte einfach alles in Frage. Die Ausbildung, die Grundsätze der Lichtelfen, den Sinn und Zweck hinter all dem. Sie störte mit ihren Fragen und Zweifeln letztendlich auch alle anderen und Sha-Ani bat sie, die Gemeinschaft so lange zu verlassen, bis sie auf ihrem Weg ihre Zweifel selbst ausräumen könne. Ich holte Divine ab. Sie war damals hin- und hergerissen zwischen Freude und abgrundtiefer Selbstverachtung. Seit diesem Zeitpunkt versucht Deine Schwester zu erreichen, was Sha-Ani ihr riet, und Deine Mutter und ich helfen ihr dabei, so gut es geht. Divine hat inzwischen einen Stand erreicht, der es ihr ermöglicht, Dinge aus anderen Blickwinkeln zu betrachten und so hoffen wir, dass sie irgendwann doch noch ihre Ausbildung beginnen wird. Denn dafür ist es nie zu spät.“
Cassie schaute zu ihrer Schwester herüber, die mit eher gleichgültiger Miene den Ausführungen ihres Vaters zugehört hatte. Als sie den Blick von Cassie spürte, schaute sie zu herrüber und sagte: „Es stimmt, was Vater Dir erzählt hat. Doch noch bin ich nicht bereit, die Ausbildung zu beginnen und weiss auch nicht, ob das überhaupt jemals der Fall sein wird. Du weißt, dass ich sehr eigensinnig bin und ich habe bislang noch nicht verstanden, warum ich unbedingt meine Fertigkeiten perfektionieren muss, wenn ich doch so auch sehr gut zurecht komme.“ Mittlerweile war doch ein trotziger Ausdruck in ihrem Gesicht erschienen. Cassie wandte sich nun wieder ihrem Vater zu. „Aber warum habt ihr mir das nie erzählt?“ Sie wunderte sich nicht über das Verhalten ihrer Schwester – dafür kannte sie sie zu gut. Aber sie war beleidigt, dass man ihr das alles 12 Jahre lang verheimlicht hatte. „Nun“, sprach nun Elen. „Wir wollten, dass Du unvoreingenommen vor Sha-Ani trittst. Du solltest nicht mit Gefühlen belastet sein und eventuell schon Zweifel haben, bevor Du überhaupt wußtest, um was es geht. Sha-Ani ist eine sehr weise Frau in unserem Geschlecht und spürt Dinge, von denen wir selbst nicht einmal etwas wissen.“
Cassie zog eine Schnute. Sie konnte zwar nachvollziehen, warum niemand etwas gesagt hatte, aber sie war immer noch beleidigt, so von der Familie ausgeschlossen worden zu sein.
„Nun mach nicht so ein Gesicht, Kleines!“ lachte ihre Mutter ihr zu. „Was geschehen ist, ist geschehen. Daran ändert sich auch nichts, wenn Du jetzt beleidigt bist!“ Cassie beschloss trotzdem, noch ein wenig zu schmollen. Doch noch während sie diesen Entschluss fasste, kam ihr ein anderer Gedanken in den Sinn. Nachdenklich grübelte sie ein wenig darüber, kam aber zu keinem Ergebnis. Und so fragte sie schließlich: „Warum hat Sha-Ani mich ’Sucherin’ genannt?“ Elen und Roc warfen sich einen Blick zu. Sie hatten mit dieser Frage schon gerechnet, wußten aber die Antwort darauf selber nicht. Elen schließlich sagte: „Das kann Dir nur Sha-Ani selbst sagen. Dass, was sie spürt, bleibt für uns unergründlich. Sie sieht, was in naher und ferner Zukunft geschieht. Wenn sie Dich Sucherin nennt, wirst Du wohl irgendwann nach irgendetwas auf die Suche gehen. Mehr wissen wir leider auch nicht!“
Cassie seufzte. Diese Antwort hatte sie halb erwartet, halb gefürchtet. Sie sah nach dem Stand der Sonne und fragte sich gerade, wie sie die langen Stunden bis zum Abend durchstehen sollte. Die Zeit schien höchstens halb so schnell zu laufen, wie sonst zu Hause. Sie legte sich auf den Rücken und schauten den Wolken zu, die langsam über ihr hinwegzogen und nur wenig später war sie einfach eingeschlafen.
Und sie träumte.
Sie sah sich selbst, wie sie als erwachsene Frau über Wege glitt, die keine zu sein schienen. Fast alles um sie herum schwankte auf und nieder und schien mitten in der Luft zu hängen. Sie kämpfte gegen Tiere, die wie riesige Drachen aussahen. Schwer atmend erzeugte sie eine Aura um sich herum, die sie unsichtbar zu machen schien, denn keiner der Drachen griff sie an. So geschützt schwebte sie um eine weitere Ecke und…
Mit einem Ruck wachte Cassie auf. Neben ihr saß ihre Mutter und lächelte sie an. Noch etwas benommen, setzte Cassie sich auf. Was war das nur für ein verrückter Traum gewesen? Ob dieses kleine Draci, dass sie vorhin gesehen hatte, sie so beschäftigte, dass sie nun schon von seinen großen Artgenossen träumte? Sie schüttelte den Kopf und drängte den Traum in eine kleine Ecke zurück. Warum über Träume nachdenken? „Hast Du etwas, meine Kleine?“ – „Nein, nichts, Mutter. Oder doch… ich habe Hunger!“ Elen lachte. „Man merkt, dass Du noch im Wachstum bist. Du futterst mich nochmal arm!“ Lächelnd holte Elen eine Scheibe Brot hervor und belegte sie mit dem, was sie beim Händler gekauft hatten. „Wo sind Vater und Divine?“ fragte Cassie mit vollem Mund. „Sie schauen, ob sie neue Kleidung für Divine bekommen. So langsam ist sie herausgewachsen. Und wir beide müssen dann auch los. In diesem Lederzeug kannst Du heute abend nicht zu Sha-Ani gehen.“ Cassie verschluckte sich fast. Neue Kleider sollte sie bekommen?? Mit einem Satz war sie auf den Beinen und sagte: „Dann los, Mutter! Worauf wartest Du? Komm!!“ und zerrte ihre Mutter hoch. Lächelnd ließ Elen sie gewähren und bückte sich nur noch einmal, um ihre Sachen in den Rucksack zu verpacken. Cassie trippelte ungeduldig auf der Stelle. Wieso dauerte das so lange? Dann endlich war ihre Mutter fertig und sie maschierten auf den ersten Händler zu. Cassie begeisterte sich für die silbern schimmernden Rüstungsteile, doch ihre Mutter sagte, dass Eisenzeug würde sie nur behindern und bestand auf die Ausrüstung der Krieger. Cassie zog schon wieder eine Schnute. Verstohlen schnappte sie sich ein paar Stiefel und schlupfte hinein. Genauso schnell, wie sie sie anhatte, zog sie sie auch wieder aus. Mein Güte, waren die schwer! Sie glaubte nicht, dass sie damit würde laufen können, geschweigen denn fliegen. Und als sie jetzt noch das Gewicht der restlichen Ausrüstungsgegenstände dazurechnete, gab sie ihrer Mutter sofort recht. Diese Rüstung würde sie nicht nur behindern, sondern zum Standbild machen. Sie stellte die Stiefel zurück, lächelte ihre Mutter an, nahm brav die Kriegerausrüstung entgegen und probierte sie in einem Hinterzimmer an. Wie sie so vor dem Spiegel stand, murmelte sie: „Sieht gar nicht so schlecht aus, mit diesen Eisenbeschlägen!“ Strahlend lächelnd kam sie raus und sagte: „Die nehm ich!“ Elen lächelte ebenfalls und gab dem Händler das geforderte Gold. Anschließend gingen beide hinaus und machten sich auf die Suche nach Roc und Divine. Es dauerte auch nicht lange, da begegneten sie den beiden. Ihre Schwester war nun ganz ihn blau und weiss gekleidet und trug Flügel im Grundton Lila mit blauen Adern. Cassie beneidete sie und kam sich neben ihr längst nicht mehr so hübsch vor, wie noch vor dem Spiegel des Händlers. Aber sie tröstete sich schnell mit dem Gedanken, dass auch sie irgendwann so etwas tragen würde. Gemütlich gingen sie alle noch ein wenig spazieren und warteten auf die Abenddämmerung. Als es dann soweit war, übernahm Roc die Führung und brach zielstrebig zum Haus von Sha-Ani auf.
Kapitel 5 - Sha-Ani
Sie gingen nun einen langen Weg entlang, der rechts und links von goldverzierten Steinfiguren gesäumt wurde, die Lanzen, Schwerter und Bögen in den Händen hielten. Am Ende dieses Weges öffnete sich ein großer Platz mit kleinen Häusern aus Stein an einer Seite. Das hinterste dieser Häuser steuerte Roc an, und er führte – nachdem er angeklopft und hereingebeten wurde – seine Familie in das Halbdunkel hinein. Der Raum war nur schwach erleuchtet mit einigen Kerzen und einem kleinen, bläulich schimmernden Leuchtglobus, der kurz unter der Decke hing. Cassie schaute sich neugierig um und entdeckte inmitten vieler Kissen, die scheinbar wahllos auf dem Boden ausgebreitet waren, Sha-Ani. Sha-Ani erhob sich und begrüßte ihr Gäste mit einem Nicken. Dann deutete sie auf die Kissen und bat alle, Platz zu nehmen. Kaum saßen sie, erschien aus einem Nebenraum eine junge Lichtelfe, die in völliger Stille Getränke und Schälchen mit Knabbersachen brachte. Cassie, der schon wieder der Magen knurrte, beäugte die Schalen mit schon fast gierigem Blick. Doch noch traute sie sich nicht, zuzugreifen. „Nimm ruhig, Cascade, dafür steht es da!“ Cassie zuckte zusammen. Sie fühlte sich ertappt. Hatte sie sich so schlecht im Griff, dass für jeden ersichtlich war, dass sie großen Hunger hatte? Ein leises Lachen von Sha-Ani ließ sie gleich noch einmal zusammenzucken. Woraufhin Sha-Ani nur lauter Lachen mußte. „Kein Angst, Cascade. Deine Gefühle hast Du schon ganz gut im Griff. Doch Du sollst wissen, dass es Dir vor mir kaum gelingen wird, Gefühle und Gedanken zu verstecken. Denn ich weiss um die Kunst der Körpersprache. Auch Du wirst sie irgendwann beherrschen, wenn Du nur ernsthaft genug versuchen wirst, es auch zu lernen!“ Cassie wußte gerade nicht, ob sie das wirklich lernen wollte. Sicher mochte es ganz schön sein, wenn man in gewissen Situationen wußte, ob der Gegenüber einen vielleicht übers Ohr hauen wollte. Aber den Gedanke, bei Ihren Eltern immer zu wissen, was sie gerade so fühlten, fand sie abstoßend. Bevor sie jedoch weiter darüber nachdenken konnte, knurrte ihr Magen so laut, dass sie bis über beide Ohren errötete. „Nun greift schon zu,“ sagte Sha-Ani „bevor Cascade’s Magen so laute Geräusche von sich gibt, dass eine Unterhaltung unmöglich wird.“ Cassie saß noch immer mit roten Wangen in ihren Kissen, während alle um sie herum lachten. Sie selbst konnte den Humor von Sha-Ani nicht teilen. Zumal sie es noch nie leiden konnte, wenn man über sie lachte! Fast trotzig nahm sie die Schale vor sich in die Hand und begann das leicht salzig schmeckende Gebäck zügig zu essen. Kaum war alle Schalen leer, erschien wieder die Lichtelfe von vorhin und brachte knusprig gebackenes Brot und gebratene Fleischstückchen. Cassie ließ diesmal allen Anstand fahren. Das Gebäck hatte ihren Hunger nur noch größer werden lassen. Und so griff sie herzhaft zu, bevor sie jemand dazu auffordern konnte. „Das Fleisch ist sehr lecker, Sha-Ani. Ich habe so etwas noch nie gegessen. Von welchem Tier stammt es?“ – „Das willst Du gar nicht wissen!“ flüsterte ihre Schwester ihr zu. Doch Sha-Ani sagte bereits: „Es ist Wolfsfleisch. Von diesen Tieren gibt es reichlich hier in der Umgebung!“ Cassie schluckte. Wolfsfleisch? Wenn sie doch bloß nicht gefragt hätte. Aber sie aß tapfer weiter. Auch wenn die Vorstellung, gerade einen Wolf zu essen, ihr nicht behagte, so schmeckte das Fleisch doch gut genug, diese Tatsache in den Hintergrund drängen zu können.
Nachdem alle satt waren und die Reste der Mahlzeit von der Lichtelfe weggeräumt waren, wandte Sha-Ani sich an Roc und Elen. „Ihr seid gekommen, um mir Cascade als Schülerin zu bringen. Nach meinem ersten Eindruck, steckt sehr viel Potential in eurer Tochter und wenn sie sich willig zeigt, so soll sie alles lernen, was ich ihr beibringen kann. Habt ihr Wünsche, was alles ihre Ausbildung umfassen soll?“ Roc räusperte sich und meinte dann: „Wir danken Euch für das Lob, dass ihr schon jetzt unserer Tochter ausgesprochen habt. Elen und ich haben uns viele Gedanken über ihren Weg gemacht und wir wünschen, dass sie alles lernt, was einer Lichtelfe ihres Standes entspricht.“ Sha-Ani zog kurz die Augenbrauen hoch. „Ihr wollt sie den kompletten Weg der Kriegerin gehen lassen?“ Und Roc nickte.
Cassie wurde es mulmig zumute. Erstens behagte es ihr gar nicht, dass so über ihren Kopf hinweg entschieden wurde und zweitens fand sie es beunruhigend, wenn Sha-Ani die Brauen hochzog. Wenn eine so mächtige Lichtelfe Erstaunen zeigte, dann mußte das doch wohl was zu bedeuten haben. „Nun gut! Wenn ihr es so wünscht, dann will ich Eurer Tochter alles beibringen, was dafür nötig ist! Bringt Cassie morgen früh, kurz nach Sonnenaufgang zu mir. Ich will sie in Empfang nehmen und ihr zeigen, wo sie von nun an zuhause sein wird.“ Damit erhob sie sich und wollte den Raum verlassen. Cassie, völlig überrumpelt von dieser Entscheidung, wurde zornig. Wie kam diese Frau und ihre Eltern dazu, solch eine Entscheidung zu treffen, ohne sie auch nur einmal gefragt zu haben? Sie sprang auf und stieß erregt hervor: „Moment mal! Was soll das alles? Bin ich eine Ware, die man einfach so über den Ladentisch schiebt? Ein Ding, das keinen Willen besitzt?“ Elen sprang ebenfalls auf und legte ihrer Tochter beruhigend die Hand auf den Arm. Doch Cassie schüttelte die Hand ab und warf nun auch ihrer Mutter einen zornigen Blick zu. Im gleichen Moment sagte Sha-Ani: „Du willst Antworten auf Deine Fragen? Dann komm her zu mir. Ich werde Dir die Antworten geben!“ Damit drehte Sha-Ani sich um und ging in den Nebenraum, in welchem vorhin die junge Lichtelfe immer verschwunden war.
Noch immer zornig, stapfte Cassie hinter Sha-Ani her und trat durch den Vorhang, der die Zimmer voneinander trennte. Auf der anderen Seite erwartete die weise Lichtelfe sie und deutete mit einem Kopfnicken auf einen Stuhl, der vor ihr stand. Dann setzte sie sich aufseufzend. Cassie betrachtete sie mißtrauisch. Auf einmal sah Sha-Ani so müde und alt aus. Nicht wie die beherrschte Frau, die sie den ganzen Tag in ihr gesehen hatte. Sie wirkte wie eine sehr alte Frau, deren Kraft langsam, aber unaufhaltsam aus ihrem Körper herausströmte. „Nun setz Dich schon hin! Ich beiße nicht.“ Cassie trat heran und ließ sich auf dem Stuhl nieder. „Und nun schau!“ Sha-Ani machte eine merkwürdige Armbewegung und direkt vor Cassie flimmerte plötzlich die Luft. Sie sah sich in ihrer neuen Kleidung, wie sie zwischen weißen Panthern und Skorpionen stand und diese tötete. Das Bild flimmerte und sie stand – ganz in grün gewandet – zwischen kleinen roten Wesen und Schlangen, die sie böse anzischelten. Auch diese schien sie ohne Mühen zu vernichten. Plötzlich kam ein großes Wesen hinter ihrem Rücken auf sie zu. Es schwebte über dem Boden, glänzte silbern und sprühte vor Elektrizität. Wieder ein Flimmern und nun sah sie sich in ihrer Heimat, wie sie sich mit Raptioden und Dunklen Seelen herumschlug. Noch ein letztes Flimmern und sie sah die Bilder aus ihrem Traum von heute nachmittag. Wieder sah sie sich mit einer blauen Aura um eine Ecke schweben und … da war das Bild wieder weg.
Verwirrt schaute Cassie Sha-Ani an. „Was war das?“ – „Dies waren Bilder aus Deinem zukünftigen Leben, wie es sein kann, wenn Du Deiner Bestimmung folgst.“ – „Und wenn ich ihr nicht folge?“ fragte Cassie.
Wieder flimmerte die Luft. Cassie sah sich inmitten einer Gruppe verschiedenster Rassen und Geschlechter. Sie sah sich lachen und winken und anscheinend viel Spaß haben. Das Bild wechselte und sie sah sich mit anderen an einem Lagerfeuer, friedlich schlafend. Ein erneutes Flimmern und sie sie sah sich in Tassiah, ein kleines Draci schwebte hinter ihrer linken Schulter und knabberte verspielt an ihren Haaren. Und dann verschwand auch diese Vision. „Du hast gesehen, was die Zukunft Dir bringen kann. Beides muss nicht zwangsläufig eintreten, denn die Zukunft ist immer im Wandel. Alles, was Du tust, hinterläßt Spuren und kann auch die Zukunft ändern. Ich habe Dir dies auch nur gezeigt, damit Du demnächst vielleicht erstmal darüber nachdenkst, was Du für Fragen hast und ob Du die Antworten darauf wirklich wissen willst. Und nun geh und denke darüber nach. Und auch darüber, ob Du morgen früh hier sein willst oder nicht!“ Mit diesen Worten schloss Sha-Ani ihre Augen. Cassie, von diesem derben Hinauswurf völlig überrumpelt, erhob sich und stolperte aus dem Raum. Draußen empfing ihre Mutter sie, legte den Arm um ihre zitternden Schulter und führte sie hinaus.
Kapitel 6 - Eine lange Nacht
Cassie ließ sich benommen und widerstandlos von ihrer Mutter wegführen. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander und sie nahm kaum etwas von ihrer Umwelt wahr. Auch als sie an ihrem Lagerplatz angekommen waren und ihre Mutter sie energisch in den Schlafsack verpackte, bekam sie das kaum mit. Sie bekam etwas zu trinken eingeflößt, das seltsam bitter und süßlich zugleich schmeckte. Aber auch dies war ihr im Moment völlig egal. Sie schluckte automatisch. Schon nach den ersten Schlucken fühlte sie die Wirkung des Trankes. Ihr Gedankenwirrwarr löste sich langsam auf und sie fühlte sich merkwürdig schwerelos. Sie bekam nicht mit, wie ihr Mutter das Zelt verließ, hörte sie aber gleich darauf leise mit ihrem Vater sprechen. Sie verstand zwar die Worte, konnte aber deren Sinn nicht erfassen. So lag sie wach und ließ sich in dem derzeitigen Gefühl treiben. Ohne es zu merken, glitt sie von ihrem wachen Zustand in den Schlaf. Und im Traum sah sie noch einmal die Bilder, die Sha-Ani ihr gezeigt hatte. Aus ihrem Traum erwachte sie langsam, aufgestört durch die lauten Stimmen ihrer Eltern, die sich anscheinend vor dem Zelt stritten. Doch die Wirkung des Getränkes verhinderte noch immer, dass sie den Worten einen Sinn geben konnte. Aber Cassie wollte wissen, was ihre Eltern dazu brachte, sich zu streiten. Sie konnte sich nicht erinnern, sie jemals so erregt erlebt zu haben. Sie kämpfte gegen die einschläfernde Wirkung des Trankes an und langsam gelang es ihr, einigen Worten einen Sinn zu geben. „… darf nicht…“ hörte sie ihre Mutter und gleich darauf ihren Vater, der sagte: „… Gefahr… Bestimmung… Ziel.“ Schließlich gab sie es auf, die Worte in einem vernünftigen Zusammenhang zu bringen und überließ sich wieder dem Schlaf.
So ging es ihr die ganze Nacht über. Sie glitt vom halbwachen Zustand in tiefen Schlaf und wieder zurück. Keiner der Zustände brachte ihr Erholung. War sie wach, quälten sie ihre Gedanken; schlief sie, waren es immer wiederkehrende Träume, die sie heimsuchten. Als Cassie am nächsten Morgen noch vorm Sonnenuntergang endlich richtig wach wurde, kam ihr die vergangene Nacht wie die längste in ihrem Leben vor. Sie hatte nicht das Gefühl, Stunden, sondern Tage in diesem Zustand verbracht zu haben. Sie schüttelte sich und setzte sich vorsichtig auf. Divine lag neben ihr und schlief tief und fest. Und vor allem traumlos, wie Cassie neidisch feststellte. Vorsichtig krabbelte sie auf allen Vieren aus dem Zelt. Auch ihre Eltern schliefen noch und das war ihr ganz recht. Mit nackten Füßen lief sie zum Strand, an deren Ufer das Wasser sich leise plätschernd brach. Dort setzte sich sich in den Sand und beobachtete einige Krabben, die ein Stück weiter weg hin- und herwuselten. Ihr Geist fand endlich Frieden und mit jeder Welle, die ihre Füße umspielte, zogen sich Angst, Verwirrung und auch Zorn weiter zurück. Am Ende blieben ein klarer Geist und ihre Entscheidung übrig.
Kapitel 7 – Entscheidung, Abschied und erste Lektion
Als die Sonnenscheibe sich über dem Horizont erhoben hatte, stand auch Cassie wieder auf und ging ruhigen Schrittes zurück zum Zelt. Gerade steckte Divine ihren verstrubbelten Kopf heraus und blinzelte ins Tageslicht. Cassie lächelte ihr zu und wünschte ihr fröhlich: „Guten Morgen.“ Von ihrem Gruß wohl erwacht, kamen kurze Zeit später auch Elen und Roc aus dem Zelt gekrabbelt und blickten ihre Tochter erwartungsvoll an. Als sie ihr Lächeln und das entspannte Gesicht sahen, wußten sie zumindest schon einmal, dass ihr Tochter eine Entscheidung getroffen hatte. Sie hofften nur, dass es die richtige sein würde. Doch Cassie schwieg. Jetzt, wo sie wußte, was sie tun wollte, wollte sie es mit niemanden teilen. Es war auch irgendwie eine kleine Rache an ihrer Familie, weil diese sie so lange ausgeschlossen hatten. Und so wehrte sie alle Fragen ab, indem sie nur lächelte. Und schließlich gaben es ihre Eltern auf, sie danach zu fragen. Das Frühstück ging dementsprechend still vor sich und irgendwie waren alle froh, als sie fertig gegessen hatten und ihre Sachen einpacken konnten. Anschließend gingen sie in Richtung Sha-Ani’s Haus. Sha-Ani selbst wartete schon davor und bat sie gleich herein. Als alle in den weichen Kissen Platz genommen hatten, sprach sie Cassie an. „Nun Cascade? Hast Du eine Entscheidung treffen können?“ Cassie nickte und sagte mit klarer Stimme: „Ich werde die Ausbildung bei Euch beginnen.“ Roc und Elen stießen erleichtert die angehaltene Luft aus. Sha-Ani nickte nur, als wenn sie mit dieser Aussage gerechnet hätte und auch Divine freute sich für ihre Schwester und hoffte, dass sie es besser machen würde als sie damals.
„Nun denn, Cascade…“ fing Sha-Ani an, doch Cassie fiel ihr ungeniert ins Wort. „Entschuldigt, dass ich Euch unterbreche, Ehrenwerte Sha-Ani. Aber darf ich um eines bitten? Bitte sagt Cassie zu mir. Bei Cascade fühle ich mich immer nur halb angesprochen!“ Cassies Augen flehten Sha-Ani förmlich an. Diese konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen und meinte: „Nun gut, Cassie“ - und Cassie strahlte übers ganze Gesicht – „Da Du Deine Entscheidung getroffen hast und ich auch sehr froh darüber bin, so bitte ich Dich nun, vorläufig Abschied von Deiner Familie zu nehmen.“ Aus Cassies Gesicht verschwand augenblicklich das Lachen. Mit so etwas hatte sie nicht gerechnet. „Keine Sorge, mein Kleines.“ hörte sie da ihre Mutter. „Es ist nur für einige Tage. Du wirst uns schon bald wiedersehen!“ Cassie zog eine Schnute und eine erste Träne stahl sich in ihre Augen. Sha-Ani stand auf und das war auch das Signal für alle anderen, sich zu erheben. Elen trat zu ihrer Tochter und nahm sie fest in den Arm. „Es sind nur fünf Tage, Kleines.“ flüsterte sie ihr zu und ließ sie dann lächelnd los. Auch Divine umarmte sie herzlich und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Roc jedoch nahm ihr Kinn in seine Hand und hob ihr kleines Gesicht an, in dem nun die Tränen herabflossen. Er lächelte sie an und küßte sie sanft auf die Stirne. Dann verbeugten sich alle drei vor Sha-Ani und gingen hinaus.
Cassie stand nur da. Stumme Tränen ließen den Weggang ihrer Familie völlig verschwimmen und ein tiefer Schluchzer drängte sich durch ihre Kehle. Sha-Ani klatsche einmal in ihre Hände und die Lichtelfe von gestern kam hinter dem Vorhang hervor. Ohne ein Wort nahm sie Cassie bei der Hand und führte sie hinaus. In der kleinen Küche drückte sie sie auf einen Stuhl und brachte ihr einen starken Tee. Noch immer von kleinen Schluchzern geschüttelt, trank Cassie das heiße Gebräu und nach und nach ließ ihre Tränenflut nach. Als die Tasse leer war, waren auch ihre Tränen versiegt und sie fragte die Lichtelfe, die die ganze Zeit still neben ihr gesessen hatte, nach ihrem Namen. Doch diese legte ihre rechte Hand über ihren Mund und schüttelte den Kopf. „Du kannst nicht sprechen?“ fragte Cassie. Die Lichtelfe nickte lächelnd. In diesem Moment kam auch Sha-Ani in die Küche und Cassie fragte sie nach dem Namen der Lichtelfe. „Sie heißt Mailina.“ – „Und warum kann sie nicht sprechen? Ist das schon immer so gewesen?“ – „Mailina konnte wohl mal sprechen und hatte wie jedes Kind Eltern. Doch ihre Eltern wurden durch bösartige Menschen auf der Suche nach Rüstzeug und Gold umgebracht. Mailina muss damals ungefähr acht Jahre alt gewesen sein. Die Menschen brachten es wohl nicht über sich, auch einem Kind das Leben zu nehmen. Doch damit sie nichts verraten konnten, schnitten sie ihr die Zunge heraus und ließen sie dann hilflos in der zerstörten Hütte zurück. Fahrende Händler fanden sie damals und brachten sie zu mir. Seit dem wächst Mailina bei mir auf und ich liebe sie genauso, wie meine eigenen Kinder.“ – „Aber das ist ja furchtbar!“ rief Cassie aus. Vergessen war ihr eigener Schmerz angesichts des Schicksals der Lichtelfe neben ihr. Sie sprang auf und nahm Mailina tröstend in den Arm. Mailina ließ die Umarmung gerne geschehen, doch das liebe Lächeln verschwand nicht von ihrem Gesicht. Sha-Ani sagte: „Mailina ist nicht unglücklich, weiss Dein Mitgefühl aber zu schätzen. Sie fühlt sich sehr wohl hier in unserer Mitte. Und wir alle haben gelernt, aus ihren Bewegungen und ihren Augen zu lesen, was sie uns mitteilen möchte.“ Hatte Sha-Ani bisher mit weicher Stimme gesprochen, so änderte sich ihr Tonfall nun und wurde um einige Grade härter. „Dies ist Deine erste Lektion. Das, was Dich mit Deinem Schicksal hardern läßt, ist für andere nur ein Apfel, der voller Würmer vom Baum herabfällt. Sei von Dir selbst nie zu überzeugt. Es gibt immer Dinge, die viel schlimmer sind!“ Cassie starrte Sha-Ani ungläubig an. Wie konnte sie so etwas gemeines sagen? Doch Mailina nahm Cassie nun ihrerseits in den Arm und drehte sie zu sich herum. Eindringlich schaute sie ihr in die Augen und versuchte ihr mitzuteilen, was wichtig war. Und Cassie begriff. Es ging nicht darum, dass sie mit dem Schicksal haderte, sondern lernte, es zu akzeptieren und damit umzugehen. Es nützte nichts, wenn sie hier saß und Tränen vergoss. Davon wurde es nicht besser, sondern höchstens noch schlechter. Cassie straffte ihre Schultern und drehte sich aus Mailinas Umarmung heraus. Als sie Sha-Ani ansehen konnte, verbeugte sie sich leicht und sagte: „Ich habe verstanden.“ Sha-Ani lächelte ihr zu und meinte: „Dann geh jetzt mit Mailina los. Sie wird Dich zu unserer Ausbilderin bringen. Und wenn Du mal Sehnsucht verspüren solltest, dann darfst Du Mailina immer besuchen.“ Cassie verneigte sich erneut, ließ sich von Mailina an die Hand nehmen und herausbringen.
Kapitel 8 – Die Ausbildung beginnt
Mailina brachte Cassie in ein nahes Zeltlager, und dort zum Zelt der Ausbildungsleiterin. Ihr Name war Celine und sie hieß Cassie herzlich willkommen. Anschließend rief sie ihre anderen Schützlinge zu sich und stellte auch ihnen Cassie vor. Cassie schaute sich ängstlich, aber auch neugierig um. Es waren sowohl männliche als auch weibliche Vertreter ihrer eigenen Rasse da. Und alle schienen ungefähr in ihrem Alter zu sein. Nachdem sie von allen begrüßt wurde, entließ Celine sie wieder zu ihren jeweiligen Pflichten. Nur einen männlicher Lichtelfen rief Celine zu sich. „Garion! Komm doch bitte mal her!“ Ein sehr hübscher Lichtelfe kam gehorsam und verbeugte sich leicht. „Garion, ich möchte, dass Du Cassie ein wenig zur Seite stehst. Mailina wird bald wieder in das Haus Sha-Anis zurückkehren müssen und möchte Cassie nicht das Gefühl geben, sie wäre hier hier alleine!“ Garion verneigte sich erneut und sagte dann zu Cassie: „Dann komm mal mit, kleine Lichtelfe!“ und lächelte dabei über das ganze Gesicht. Cassie, die sich erst gar nicht so recht von Mailina trennen wollte, konnte bei diesem hübschen Lachen aber nicht länger widerstehen. Sie umarmte Mailina noch einmal und ging dann mit Garion mit.
Der junge Lichtelf zeigte ihr in den nächsten Stunden alles, was sie erstmal wissen musste. Die Zeit schien nur so dahinzufliegen. Sie machten einen Rundgang durch das Zeltlager und einen Abstecher zu den Hügeln in der Nähe. Ohne es zu wissen, hatte ihre Ausbildung mit Garion an ihrer Seite schon begonnen. Sie lernte die Tiere kennen und auch, wie sie diese entweder umging oder aber auch schnell töten konnte. Hatte sie in ihrem Elternhaus noch überhaupt keine Lust gehabt, diesem Teil ihres Daseins nachzugehen, so machte es an Garions Seite bzw. auch in einer größeren Gruppe viel mehr Spass. Am Ende ihrer ersten Woche hatte sie schon mehrfach in der Gruppe regelrechte Treibjagden mitgemacht und auch selber dazu aufgerufen. Und am Ende dieser Woche fühlte sie sich irgendwie… naja… reifer, sicherer und auch älter.
An dem Abend, der vor dem Eintreffen ihrer Eltern lag, war Cassie hundemüde. Den ganzen Tag war sie mit fünf weiteren Lichtelfen in den Hügeln von Tassiah umhergestreunt und sie waren bis zu den Giftscorpionen vorgedrungen. Diese widerlichen kleinen Viecher waren ganz schön zäh und sie hatte mehrfach einen äußerst schmerzhaften Stich der Stacheln hinnehmen müssen. Doch da sie immer stärker wurde, konnten die Scorpione sie auf keinen Fall töten. Und der Spass in der Gruppe hatte sie die Stiche auch schnell wieder vergessen lassen. Und so schlief sie in dieser Nacht tief und ohne Träume.
Am nächsten Morgen wachte sie dafür schon sehr früh auf und zappelte vor lauter Ungeduld hin und her, bis es endlich Zeit war, sich auf den Weg zu machen. Sie sagte noch schnell Garion Bescheid und machte sich auf den Weg. Doch in Tassiah sah sie nicht ihre Eltern am Treffpunkt stehen, sondern Sha-Ani. Höflich grüßte Cassie die weise Lichtelfe und auf ihre anschließende Frage, wo ihre Eltern seien, antwortete Sha-Ani: „Deine Eltern lassen sich entschuldigen. Doch in ihr Gebiet sind mehrere Strolche eingedrungen, so dass sie die Insel derzeit nicht verlassen können. Sie bedauern dies sehr, doch sie hoffen, dass Du Verständnis zeigst!“ Cassie war enttäuscht. Sie hätte sooooo viel zu erzählen gehabt und wollte ihnen auch zeigen, wo sie schon alles gewesen war. Und nun kamen sie einfach nicht! Ein Seufzer entfuhr ihrer Kehle und sie ließ die Schulter hängen. Doch dann straffte sie sich. „Wenn es so ist, dann ist es eben so!“ sagte sie. „Und die Insel ist wichtiger als meine Erzählungen. Ich danke Euch, Sha-Ani, dass Ihr mir die Nachricht überbracht habt. Wenn Ihr die Möglichkeit habt, im Gegenzug meinen Eltern eine Nachricht zukommen zu lassen, so bitte ich Euch, ihnen folgendes auszurichten: sagt ihnen bitte, dass sie sich keine Gedanken um mich machen müsen und dass ich mich auf ihren nächsten Besuch ebenso freuen werde, wie auf den heutigen. Könnt Ihr das für mich tun?“ Sha-Ani war überrascht, wie schnell aus der kleinen Lichtelfe ein Wesen geworden war, das schlechte Nachrichten zwar nicht begeistert, aber mit Courage aufnahm. „Diese Nachricht will ich deinen Eltern gerne überbringen. Und wenn Du etwas Abwechslung suchst… ich glaube, Mailina würde Dich gerne mal wieder begrüßen!“ Uups… Cassie bekam rote Ohren. Die ganze Woche hatte sie nicht einmal an Mailina gedacht und sie schämte sich. Fast vergaß sie, sich noch einmal vor Sha-Ani zu verbeugen und ihre Ohren wurden noch röter. Nach einer tiefen, wenngleich etwas flüchtigen Verbeugung, sauste sie davon.
Kapitel 8a – Zwischenspiel (I)
Sie fand die junge Lichtelfe vor der Türe von Sha-Anis Haus. Mailina lächelte, als sie die im Eiltempo auf sich zufliegende Cassie sah und winkte ihr zu. Sie freute sich auf einen Tag mit ihr, denn sie hatte die Kleine aufrichtig ins Herz geschlossen. Cassie fiel ihr um den Hals und entschuldigte sich bei ihr, weil sie sich die ganze Zeit nicht bei ihr hatte blicken lassen. Doch Mailina winkte lächelnd ab.
Beide verbrachten einen wunderschönen Tag. Mailina zeigt Cassie auch die kleinen Inseln rund um Tassiah und Cassie bestaunte die Norads, die dort auf den Inseln herumliefen. Und sie zeigte ihr eine weitere Insel, auf der riesige Wesen hausten. Lange Zeit beobachteten sie diese und Cassie fragte sich, ob sie jemals stark genug sein würde, um ihnen die Stirn bieten zu können.
Der Abend kam für Cassie’s Geschmack viel zu schnell und so brauchte sie einige Zeit, bis sie sich endlich von Mailina verabschieden konnte. Hundemüde aber sehr glücklich schwebte sie zurück zu ihrem Zeltlager. Als sie in ihren kuscheligen Schlafsack schlüpfte, fragte sie sich mit ein wenig schlechtem Gewissen, ob der Tag mit ihren Eltern auch so schön geworden wäre. Doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, war sie schon eingeschlafen und durchlebte in ihren Träumen noch einmal all die schönen Dinge, die sie heute mit Mailina erlebt und gesehen hatte.
Kapitel 9 – Trauer
Cassie wachte am nächsten Morgen gut gelaunt auf. Nachdem sie sich gewaschen hatte, begab sie sich zum großen Zelt in der Mitte, um zu frühstücken. Gerade, als sie das Zelt betreten konnte, kam Mailina in großen Teleportationssätzen auf sie zu und erwischte sie gerade noch vorm Eingang. Cassie drehte sich erstaunt, aber lächelnd zu ihr herum. Doch als sie Mailinas Gesicht sah, gefror ihr das Lächeln. Aus Mailinas Augen liefen stumme Tränen und aus ihrem Gesicht sprang förmlich die Verzweiflung heraus. Cassie packte sie an den Schultern und fragte: „Was ist denn passiert? Was hast Du? Ist irgendetwas mit Sha-Ani?“ Doch Mailina schaute sie nur an, völlig verzweifelt und in tiefer Trauer. Cassie wußte nicht weiter. Sie sah, wie traurig ihre Freundin war, doch den Grund konnte sie in ihren Augen nicht lesen. Schließlich nahm Mailina sie an der Hand und führte sie weg. Sie brachte sie direkt zu Sha-Anis Haus und Cassies Verdacht, dass dieser etwas Schreckliches geschehen sein mußte, verstärkte sich nur. Was auch sonst hätte Mailina so aus der Bahn werfen können.
Aber als sie Hand in Hand das Haus betraten, stand Sha-Ani in der Mitte des Raumes wie sonst auch. Nein, nicht wie sonst. Auch ihr Gesicht zeigte Spuren von Traurigkeiten. Als Cassie Sha-Ani gesund vor sich sah, schlich sich ein furchtbarer Gedanke in ihr Herz. Sie versuchte ihn zu verdrängten. Das durfte einfach nicht wahr sein, was sie gerade gefühlt und gedacht hatte. Doch der Gedanke blieb hartnäckig und wurde sogar mit jedem Augenblick stärker. Cassie schaute ihn Sha-Anis Augen und bebte innerlich. Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, dass Sha-Ani endlich redete und dem Wunsch, dass sie nichts sagen würde. Und als Sha-Ani aussprach, was sie schon geahnt hatte, da drang ein verzweifelter Schrei durch das kleine Haus. Der Schrei Cassies pflanzte sich fort, getragen von ihrer Trauer. Der Schmerz, der darin lag, ließ sogar die Händler am anderen Ende der Stadt erschauern und alle fragten sich bedauernd, welches zerrissenes Herz dort seinem Schmerz Ausdruck verlieh. Der Schrei hallte noch lange nach und nur sehr langsam fanden alle, die ihn gehört hatten, zurück in ihr eigenes Leben. Nur flüsternd unterhielten sie sich, gerade so, als hätten sie Angst, dass ein lautes Wort den Schrei noch einmal zurückkommen lassen könnte.
Im Hause Sha-Anis indessen war Cassie zusammengebrochen und lag ohnmächtig zwischen den Stühlen. Mailina hob sie auf und trug sie in ihre eigene Kammer, während Sha-Ani in die Küche eilte und ihre Schränken nach Kräutern durchsuchte, um einen Trank für Cassie zu brauen. Sie tat dies mit hoher Konzentration. Zum einen hätte eine falsche Zutat es nur schlimmer machen können, zum anderen war sie froh, alle anderen Gedanken aus ihrem Kopf bei ihrer Arbeit verbannen zu können. Erst als die Kräuter in einem Kessel über dem offenen Feuer in ihrem Sud schwammen und noch einige Zeit dort würden ziehen müssen, konnte sie sich nicht mehr gegen die traurige Nachricht wehren. Ganz früh heute morgen hatte ein Bote eine Schriftrolle zu ihr gebracht. In dieser stand, dass Cassies Eltern bei einem Überfall mordender Räuberbanden ums Leben gekommen waren und von ihrer Schwester jegliche Spur fehlte. Man vermutete, dass die Mörder sie mitgenommen hatten, wußte es aber nicht genau. Sha-Ani war ganz blass geworden, als sie die wenigen Zeilen durchgelesen hatte. Mailina, die inzwischen auch wach geworden war, stürzte zu ihr und nahm ihr die Botschaft aus der Hand. Die Tränen schossen ihr in die Augen und sie ließ das Blatt achtlos fallen. Sha-Ani straffte die Schultern und versuchte einen Weg zu finden, wie sie dies der kleinen Cassie am besten mitteilte. Sie zog Mailina an sich und fragte sie, ob sie Cassie holen könnte. Sie wußte, dass sie viel von ihrer Ziehtochter erwartete, da sie damals das gleiche Schicksal getroffen hatte. Aber andererseits dachte sie ganz richtig, dass Mailina es am ehesten mitteilen konnte. Und Mailina ging. Zurück kam sie mit einer Lichtelfe, die eigentlich schon wußte, was geschehen war, sich aber mit aller Macht dagegen sträubte. Was Sha-Ani durchaus verständlich war. Womit sie nicht gerechnet hatte, war dieser Schrei. Noch immer verursachte alleine der Gedanke daran eine Gänsehaut. Sie hätte niemals für möglich gehalten, dass eine Lichtelfe imstande wäre, so viel Schmerz zu empfinden und sie befürchtete, dass Cassie an diesem Schmerz zerbrechen oder den Verstand verlieren könnte.
Ungeduldig wartete sie darauf, dass der Trank endlich fertig sein würde. Und als dann so weit war, verschüttete sie vor lauter Hast fast die Hälfte beim Umfüllen. Anschließend brachte sie den Trank in Mailinas Zimmer. Der Anblick des kleinen Lichtelfen-Mädchens brach ihr fast noch einmal das Herz. Cassie lag zitternd auf dem weichen Lager, von Fieberkrämpfen geschüttelt und in Schweiß gebadet. Mailina tupfte ein ums andere Mal das kleine Gesicht mit in kühlem Wasser getränkten Tüchern ab. Ihr Gesicht war fast genauso verzerrt, wie das von Cassie. Sha-Ani trat an das Lager heran. Tropfenweise ließ sie den Trank auf die Lippen von Cassie laufen und hoffte, dass wenigstens ein Teil der heilenden Medizin den Weg in ihren Magen und damit in ihr Blut finden würde. Nach scheinbar unendlich langer Zeit ging das Fieber zurück und Cassie fiel aus Fieberträumen in einen durch den Trank hervorgerufenen tiefen Schlaf. Sha-Ani wollte Mailina hinausschicken, doch diese blieb verbissen sitzen und signalisierte, dass sie sich selbst um Cassie kümmern würde.
Kapitel 10 – Ein langer Weg
Schon seit fast zwei Wochen lag Cassie nun auf dem Lager von Mailina. Sie und Sha-Ani wechselten sich in der Pflege der nun elternlosen Lichtelfe ab. Mit Mühe flößten sie ihr ständig den heilenden Trank ein und wuschen ihren immer wieder in Fieber ausbrechenden kleinen Körper. Niemals war Cassie auch nur wenige Augenblicke alleine und meistens hielten sie auch körperlichen Kontakt zu ihr. Sie pflegten Cassie und hofften die ganze Zeit, dass sie der Verzweiflung und dem Wahnsinn nicht nachgeben und endlich wieder erwachen würde. Sha-Ani sprach oft mit ihr, wenn sie neben ihrem Lager saß. Sie erzählte ihr von den Freuden, die sie noch vor sich hatte, von Garion und Mailina. Aber sie erzählte auch von ihren Eltern, die sie schon als Kind gekannt hatte. Von den Streichen, die sie ihr manchmal gespielt hatten und davon, dass ihre Eltern sicher sehr traurig sein würden, wenn sie ihr junges Leben beenden würde, weil sie die Kraft nicht fand, zu widerstehen. Eines nachts jedoch verlor Sha-Ani fast die Hoffnung und gegen alle Vernunft packte sie den kleinen Körper und schüttelte ihn, während sie eindringlich auf sie einsprach, doch jetzt endlich wach zu werden. Schon kurze Zeit später ließ sie Cassie erschrocken los. Was war nur in sie gefahren? fragte sie sich. Behutsam bettete sie Cassie wieder auf das Lager und streichelte liebevoll ihr Hand, während sie sich leise flüsternd bei ihr entschuldigte.
Cassie selber bekam von diesen Bemühungen am Anfang überhaupt nichts mit. Gefangen in ihrem Schmerz, hatte sie auch ihren Lebensmut verloren. Sie wollte einfach nicht wieder erwachen und damit in eine Welt zurückkehren, die Schmerz, Verlust und Alleinesein bedeutete. Sie fühlte sich aber auch nicht wirklich wohl, da wo sie jetzt war. Die Grenze zwischen Leben und Tod war kalt und dunkel. Aber wenigstens gab es hier keine Gefühle, keine Stimmen und damit auch keine Verzweiflung. Cassie wanderte in dieser Nicht-Welt langsam weiter auf ein bläulich pulsierendes Licht zu und kam damit ihrem Tod immer einen Schritt näher. Plötzlich hatte sie das Gefühl hin- und hergeworfen zu werden und ihr wurde richtig schwindlig. Und sie hörte eine Stimme, die sehr nach Sha-Ani klang. Doch sie konnte die Worte nicht verstehen. Sie kämpfte gegen den Schwindel an und wankte auf den Klang der Stimme zu. Sie klang so vertraut, so voller Liebe, aber auch völlig verzweifelt. Gleich darauf hörte der Schwindel auf und die Stimme wurde immer leiser. Doch Cassie wollte unbedingt wissen, was Sha-Ani sagte und sie ging sie immer weiter zurück. Das blaue Licht hinter ihr verblasste und vor ihr erschien nun ein warm schimmernder orangefarbener Punkt. Cassie blieb stehen. Die Stimme war nur noch ein leises Whispern, wie Wind, der sich in Blättern verfing. Sollte sie weitergehen? Cassie drehte sich um und sah weit entfernt das blaue Licht blass leuchten. Sie wußte, dass an seinem Ende der Tod auf sie wartete und damit das Vergessen. Sie wußte auch, dass am Ende des orangenen Lichtes Schmerz auf sie wartete, aber auch Freundschaft und Liebe, die Sha-Ani und Mailina ihr entgegenbringen würden. Tod oder Leben? Vergessen oder Schmerz? Sie wußte einfach nicht, was sie tun sollte. Mühsam, als würden ihre Füße in klebrigem Schlamm stecken, wandte sie sich in Richtung des orangenen Lichtes. Jeder Schritt brachte sie der Qual nahe und sie war drauf und dran, endgültig umzukehren. Doch dann konnte sie plötzlich Worte verstehen. Sha-Ani erzählte von ihren Eltern und von ihrer Schwester. Der Sinn der Worte erreichte sie nicht ganz, aber ihr wurde bewusst, dass ihre Schwester vielleicht noch lebte und ihre Hilfe brauchte.
Und von da an ging Cassie weiter. Sie tat es sehr langsam, um sich Schritt für Schritt mit den Schmerzen und der Verzweiflung vertraut zu machen. Sie konzentrierte sich auf die Worte Sha-Anis, die unermüdlich erzählte. Irgendwann spürte sie auch die Anwesenheit von Mailina, die ihr allein durch ihr Dasein Trost versprach. Aber der Weg war schwer. Mitunter hatte sie gar nicht das Gefühl, dem warmen Licht näher zu kommen. Doch sie ging weiter und auf ihrem langen Weg zurück in das Leben, gewann sie die Kraft, die es ihr ermöglichen würde, mit all dem fertig zu werden.
Kapitel 11 – Geschafft
Der Weg zurück in’s Leben dauerte für Cassie in der Nicht-Welt schon sehr lange. Doch in der wirklichen Welt waren inzwischen schon vier Wochen vergangen! In dieser Zeit hatte das Fieber, das ihren Körper schüttelte, allmählich nachgelassen und schließlich aufgehört. Sha-Ani und Mailina fanden darin neue Nahrung für ihre Hoffnung und kümmerten sich noch intensiver um sie. Auch Garion war inzwischen oft Gast im Haus und erzählte scheu von seiner Ausbildung und das sie in der Gruppe fehlen würde.
Eines morgens, Mailina war nach einer durchwachten Nacht sehr müde, schlug Cassie die Augen auf. Mailina fuhr erschrocken hoch, weil es so plötzlich kam. Aber dann lachte sie über das ganze Gesicht, nahm Cassie liebevoll in den Arm und hielt sie fest. So fand Sha-Ani sie kurze Zeit später, weil sie Mailina ablösen wollte. Als auch Sha-Ani sie umarmte, konnte Cassie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie weinte und spülte damit den Schmerz ein wenig aus der Seele. Im Laufe der nächsten Wochen sollte sie noch oft weinen und feststellen, das danach der Schmerz immer ein wenig besser zu ertragen war. Als diese erste Tränenflut jedoch versiegt war, war Cassie so erschöpft, dass sie gleich wieder einschlief. Doch diesmal war es ein erholsamer Schlaf und die Gedanken an die Liebe Sha-Anis und Mailinas begleiteten sie hindurch.
Sie schlief bis zum Abend. Und als sie diesmal die Augen öffnete, fühlte sie sich viel besser. In den nächsten Tagen erlangte sie mit Hilfe Sha-Anis und Mailinas neben ihrer geistigen auch ihre körperlichen Kräfte wieder zurück. Sie wurde umsorgt und bekam nur die leckersten Gerichte zu essen. Schon bald konnte sie aufstehen und einige Schritte im Haus laufen. Sie erzählte immer und immer wieder von ihrer Zeit in der Nicht-Welt und beide waren geduldige Zuhörer. Sie spürten, dass Cassie mit diesen immer gleichlautenden Erzählungen ihre Angst und ihren Schmerz verarbeitete. Im Gegenzug hörte sie aber auch sehr gerne Sha-Ani zu, die ihr aus dem Leben ihrer Eltern erzählte und half, die guten Erinnerungen an sie im Gedächtnis zu behalten.
Hatte sie anfangs Garions Erzählungen nicht zuhören wollen, weil sie noch nicht bereit dafür war, so fragte sie nun von selbst, wie es mit seiner Ausbildung voranginge. Und sie unternahm lange Spaziergänge, zunächst in Begleitung, später auch alleine. Tag für Tag gewann sie neue Kraft und fasste irgendwann den Entschluss, dass sie – wollte sie ihrer Schwester wirklich helfen – ihre Ausbildung wieder beginnen musste. Sie teilte ihre Entscheidung Sha-Ani mit und diese freute sich sehr darüber. Da Cassie schon am nächsten Tag wieder neu beginnen wollte, richtete sie für abends ein kleines Festmahl und sie sprachen noch bis spät in die Nacht über eine Zukunft, die jeder sich erträumte, die aber immer in den Nebeln der Zeit schlummern würde, weil nichts von Bestand war und alles sich fortwährend änderte.
Kapitel 12 – Neuanfang
Cassie wurde am nächsten Morgen schon früh von Mailina geweckt. Während sie sich wusch und anzog, bereitete Mailina ein kleines Frühstück vor, das sie gemeinsam einnahmen. Anschließend brachte Mailina Cassie wieder zum Zeltlager, genauso, wie schon am ersten Tag ihrer Ankunft hier. Cassie war doch ein wenig mulmig zumute. Sie wußte nicht, ob die anderen sie mit Fragen löchern würden und ob sie das durchstehen würde. Doch niemand stellte ihr Fragen. Sie wurde genauso herzlich aufgenommen, wie vor so vielen Wochen auch schon. Cassie ahnte, dass irgendjemand die Gruppe entsprechend vorbereitet hatte. Doch wer auch immer es war, Cassie dankte ihm oder ihr aus ganzem Herzen.
Schon am Mittag war Cassie so sehr damit beschäftigt, ihre entstandenen Ausbildungslücken zu schließen, dass sie an nichts anderes mehr dachte. Fast schon verbissen studierte und übte sie innerhalb kürzester Zeit das ein, wofür die anderen Wochen gebraucht hatten. Sie schnellte voran, wie ein Pfeil den Bogen verließ. Und der Gedanke an ihre Schwester war der Schütze, der die Sehne zurückzog. Celine mußte oft genug eingreifen und Cassie daran hindern, sich zuviel zuzumuten. Und auch Garion sprach mehrmals auf sie ein, dass sie doch bitte etwas langsamer machen sollte.
Cassie hatte zwei gute Gründe, sich so zu verausgaben. Zum einen natürlich der Wunsch, ihrer Schwester sobald als möglich helfen zu können. Doch der andere war rein egoistischer Natur. Denn wenn sie so richtig müde war und halb tot in ihren Schlafsack kroch, dann konnte sie tief und traumlos schlafen. Sie träumte nicht von ihren Eltern, stellte sich nicht vor, wie die Mörder zugeschlagen hatten und sah keine Schrecken, die ihre Schwester bei den Mördern wahrscheinlich erleiden mußte. So peitschte sie sich Tag für Tag selbst an und hatte innerhalb von drei Wochen die anderen ihrer Gruppe eingeholt. Nun endlich konnten sie wieder gemeinschaftlich losziehen und die Gegend unsicher machen. Als Cassie also nun ihren festen Platz in der Gruppe erreicht hatte, wurde sie ein wenig ruhiger und übte nicht mehr wie eine Besessene. Sie war jetzt hin und wieder auch dabei, wenn es galt, irgendwelche Streiche zu spielen oder wenn sich alle abends trafen, um am gemütlichen Lagerfeuer einfach nur zu sitzen und sich zu unterhalten.
Trotzdem übte sie mehr als alle anderen und war bald die Gruppenbeste. Celina sah sich eines Tages sogar gezwungen, Cassie vorzuschlagen, in eine andere Gruppe zu wechseln. Doch davon wollte Cassie nichts wissen. Die Gruppe ersetzte ihr ein wenig die Familie und diese wollte sie keinesfalls verlassen. Garion z.B. war ihr bester Freund und die Vorstellung, ihn vielleicht nur noch beim Frühstück zu sehen, behagte ihr überhaupt nicht. Zunächst versuchte sie also, ihren Tatendrang zu bremsen, um nicht zwangsversetzt zu werden. Weil das aber auf Dauer nicht klappte, tat sie das einzige, was ihr einfiel. Sie spornte nun auch Garion an, mehr zu tun, damit er sie in die nächste Gruppe begleiten könnte. Garion wiederum war von dieser Idee überhaupt nicht begeistert. Er wußte zwar, dass er würde mithalten können, aber er war einfach zu faul. Er fand das Tempo klasse, das derzeit der größte Teil der Gruppe bestimmte. Doch Cassie gab nicht auf. Immer und immer wieder bat sie Garion, mit ihr gemeinsam zu üben und eines Tages hatte sie ihn soweit, dass er ihre hartnäckige Bettelei schlimmer fand, als seine Faulheit. Und während er etwas brummig neben ihr zum Übungsplatz tappte, strahlte Cassie über alle vier Backen.
Seit diesem Tag übten sie gemeinsam und kamen dabei gut voran. Cassie hatte den versteckten Ehrgeiz von Garion geweckt und seit dieser erstmal aus dem hintersten Winkel seines Herzen hervorgekrochen war, bekam er sogar Spass daran.
Eines Tages kam Celine auf Cassie und Garion zu und fragte die Beiden, ob sie gemeinsam die Gruppe wechseln wollten und Beide stimmtem dem Vorschlag zu. Sie bekamen neue Ausrüstungsgegenstände und Cassie sah mit Entsetzen, dass sie die Eisenrüstung bekamen, die sie vor so vielen Wochen zwar schön, aber nach kurzem Anprobieren der Stiefel absolut unpraktisch fand. Doch Celine hatte kein Einsehen mit ihr. „Wenn Du weiterkommen willst, dann musst Du auch entsprechend gekleidet sein, da Dir Deine Kriegerrüstung keinen Schutz mehr bei höheren Gegnern bietet! Also zieh das jetzt an! Du wirst sehen, dass es gar nicht so schlimm ist!“ Cassie verdrehte die Augen und flüsterte Garion zu: „Wenn ich in dieser hübschen braunen und vor allem leichten Rüstung stecken würde, könnte ich auch sagen, das Eisenzeug wäre nicht so schlimm!“ Garion verkniff sich ein Schmunzeln. Zum einen fand er es äußerst witzig, dass Cassie sich so wegen einer Rüstung aufregte, zum anderen wußte er, dass die Rüstung wirklich nicht so schlimm war, wie sie aussah. Also zwängte sich Cassie in das schwere Eisenzeugs und stampfte zunächst etwas unbeholfen umher. Doch schon bald bemerkte sie, dass sie ganz gut zurecht kam. Das Gewicht war zwar ungewohnt, aber sie war keinesfalls so eingeschränkt, wie sie es sich gedacht hatte. Und bald darauf sah man sie und Garion, wie sie einen Abstecher auf eine der Inseln machten, um die Haltbarkeit der Rüstungen zu testen und gleich auch noch ein paar von diesen garstigen Norads in ihre Schranken zu verweisen.
Als sie von ihrem Ausflug zurückkamen, brachte Celine sie zu ihrer neuen Gruppe. Die Lichtelfen dort trugen fast alle die gleiche Rüstung wie auch sie selber und schienen keinen großartigen Vorsprung zu haben in ihrer Kampftechnik. Garion und Cassie hatten sich schon bald in die Gruppe integriert und hatten dort auch genauso viel Spass, wie bei der anderen.
So zogen einige Wochen ins Land und die erste größere Prüfung stand ihr bevor. Sie mußte den König der Norads in einem Kampf besiegen. Cassie war ein wenig mulmig ums Herz und sie bekam am Morgen ihrer Prüfung keinen Bissen herunter. Garion, der diese Prüfung schon hinter sich hatte, meinte beiläufig: „Ich kann Dir zwar nicht direkt helfen, aber wenn Du magst, komme ich mit!“ Sogleich fühlte sich Cassie besser. Sie fiel ihm um den Hals und sagte: „Natürlich will ich! Du bist ein Schatz!“ Woraufhin Garion rote Ohren bekam und sich verlegen wegdrehte.
Nach dem Frühstück machten sich die beiden auf und Cassie forderten den König zum Kampf heraus, den dieser auch bereitwillig annahm. Cassie schnaufte und schwitze unter ihrer Rüstung. Sie sprang hin und her, wich Angriffen aus und attackierte selber verzweifelt. Sie fand keine Schwachstelle des riesenhaften Wesens und dachte verzweifelt: „Ich schaff es einfach nicht!“ Doch genau in diesem Moment rief Garion ihr zu: „Gib nicht auf, Cassie! Mach weiter! Du kannst es ganz bestimmt!“ Und da nahm Cassie den Rest ihrer Kraft zusammen und nach einigen weiteren Minuten harten Kampfes hatte sie den König dann doch besiegt. Schwer atmend torkelte sie auf Garion zu, der seinerseits auf sie zugeflogen kam. Er nahm sie in den Arm und wirbelte sie herum. Lachend meinte er: „Ich wußte, dass Du es schaffst!“ Zwischen keuchenden Atemzügen antwortete Cassie: „Da… wusstest… du… mehr… als ich!“ Garion zog sie mit sich und sie setzten sich dort am Strand nieder, wo ihnen keine Gefahr drohte. Dort hielt Garion seine Kampfgefährtin im Arm, bis diese wieder zu Kräften gekommen war. Anschließend schwebten sie gemütlich ins Lager zurück, wo sie mit großem Hallo begrüßt wurden und Cassie abends am Lagerfeuer ihren Kampf immer wieder schildern mußte, während sie ihren Sieg über den König der Norads feierten.
Kapitel 13 – Der neue Ausbilder
Einige Tage nach ihrer Prüfung wurden Cassie und Garion zu Celine gerufen.
„Ihr habt nun ein Stadium erreicht, wo ihr hier in Tassiah nicht mehr viel lernen könnt.“ fing sie ihre Rede an. „Hier habt ihr einen Brief. Diesen gebt ihr Belganor. Er lebt in der Burg des verschwundenen Landes und wird Eure Ausbildung fortsetzen. Nun guck nicht so entgeistert, Cassie. Hast Du wirklich geglaubt, Du wirst für immer hier sein?“ Cassie schüttelte den Kopf. „Aber was ist mit Sha-Ani und Mailina?“ fragte sie. „Du wirst die beiden besuchen können, wann immer Du magst. Die Namari-Felder rund um die Burg des gewonnenen Landes sind mit dem Zonenwarp zu erreichen, der Dich auch von Nuro hierher brachte. Von daher werdet ihr keine beschwerlichen Reisen zu bestehen haben. Doch ich kann Euch hier nichts mehr beibringen und deshalb müßt ihr gehen. Einige andere aus Eurer Gruppe werden Euch ebenfalls begleiten.“ Und damit drückte sie Cassie und Garion einmal kurz an sich und schickte die beiden mit den Worten: „Geht jetzt bitte packen.“ fort.
Cassie, die bei Celines Versicherung, dass sie jederzeit zu Sha-Ani und Mailina gehen könnte, wieder Mut gefasst hatte, hüpfte genauso aufgeregt umher, wie Garion. Schnell hatten die beiden ihre Sachen zusammengepackt und trafen sich mit allen anderen am Zonenwarp direkt in Tassiah. Dort wurden sie von Celine noch einmal offiziell verabschiedet und Cassie entdeckte voller Freude auch Mailina, die dort stand, um sie herzlich zu umarmen. Cassie war die letzte der Lichtelfen, die den Warp benutzten und so rasselte sie direkt in die Gruppe hinein, als sie in der Burg ankam. Denn da die Gruppe nicht wußte, wohin sie sich wenden sollte, waren sie einfach stehengeblieben, wo sie waren und blockierten damit den Zonenausgang.
Das Knäuel der übereinandergefallenen Lichtelfen war schwierig wieder zu entwickeln, da diese selbst vor Lachen kaum ihre Beine und Arme sortieren konnten. Doch endlich standen wieder alle und hatten ihre eigenen Taschen und Rucksäcke wieder bei sich. Ein kleiner Lichtelf, ganz in eine schwarze Rüstung gekleidet, betrachte die lachenden und kichernden Wesen aus seinem eigenen Volk mißbilligenden. „Ich hoffe nicht, dass ihr die Gruppe seid, die Celine mir schickt!“ wetterte er zur Begrüßung. Allen blieb das Lachen im Halse stecken und sie schauten den Lichtelfen erschrocken an. „Jetzt guckt nicht so wie eine Herde Schafe beim Anblick eines herabrutschenden Berghanges. Ich bin Belganor und scheinbar nicht nur für Eure Kampfausbildung da, sondern auch noch dafür, dass Ihr lernt, wie ein Wesen unserer Rasse sich zu benehmen hat. Und jetzt kommt mit!“ Er drehte sich um und die Gruppe tappte betreten hinter ihm her. Er führte sie zu einem großen Baum, der mitten in der Burg auf einem kleinen Hügel wuchs, und seine weitausladenden Zweige schattenspendend ausbreitete. Nur, es gab hier überhaupt keinen Schatten, der von einer Sonne hervorgerufen wurde. Cassie blickte zum Himmel und sah nur rötliches Licht, das unstet hin- und herzuwabbern schien. Aber eine Sonne konnte sie nicht sehen. Während sie so nach oben schaute und den Ursprung des roten Lichtes zu erkunden versuchte, blieb Belganor stehen und der Rest der Gruppe auch. Da Cassie aber nach oben schaute, bekam sie das nicht mit und rannte erneut in die Gruppe hinein. Sie rappelte sich hoch und schaute mit flammendrotem Kopf auf ihre Füße. Diesmal lachte niemand. „Setzt Euch!“ herrschte Belganor sie an und alle verteilten sich im Kreis und setzten sich in das erstaunlich weiche Gras.
Belganor ließ seine Augen mürrisch über die Gruppe schweifen und begann dann einen schier unendlichen Monolog über den Stand der Lichtelfen und über ihr korrektes Verhalten. Er redete über ihre Pflicht, dass sie sich dem hohen Stand ihrer Rasse entsprechend benehmen müssten und sich nicht wie eine Herde dummer Tiere mitten am Zonenwarp zu balgen hätten. Cassie begann während dieses langen Monologes, Belganor zu verachten und sie beschloss schon jetzt, ihre Ausbildung bei ihm so schnell als möglich zu beenden. Hier wollte sie nicht länger bleiben, als unbedingt nötig. Sie teilte ihre Entschluss flüsternd Garion mit, der heftig nickte, weil er sich schon das gleiche überlegt hatte.
In den folgenden Wochen erwartete sie eine sehr strenge Ausbildung, die sich in allem unterschied, was sie in Tassiah erfahren hatten. Belganor hatte niemals ein freundliches Wort für sie übrig und gelobt wurden sie schon gar nicht. Er triezte sie, wo er nur konnte und peitschte sie mit Worten zu immer höheren Aufgaben an. Verbissen ließen sich alle seine Gemeinheiten gefallen. Sie hatten schnell gemerkt, das offener Protest oder auch nur ein leises Murren zu noch härteren bzw. Extra-Aufgaben führten.
Cassie war es eines Tages leid und hüpfte mit Garion an ihrem freien Nachmittag mittels Zonenwarp nach Tassiah. Sie klagte ihrer beider Leid Sha-Ani und ließ sich heftig über diesen unmöglichen Kerl aus, der sie so forderte und ihnen das Leben zur Hölle machte. Garion unterstützte sie dabei und berichtete über Gemeinheiten, die Cassie nicht mitbekommen hatte. Noch während sie erzählten, wurde das Gesicht Sha-Anis immer härter. Cassie glaubte, dass es aufgrund der Ungerechtigkeiten sei, doch sie sollte gleich darauf eines Besseren belehrt werden. Mit verdächtig ruhiger Stimme fragte Sha-Ani nämlich: „Ist er wirklich ungerecht oder glaubt ihr das nur, weil ihr dort mehr arbeiten müsst als hier?“ Cassie verschluckte sich bald an ihren Worten, die ihr noch auf der Zunge gelegen hatten. Statt dessen sagte sie: „Aber er lobt uns nicht, hat kein gutes Wort für uns!“ – „Er wird seinen Grund dazu haben. Und bevor ihr jetzt noch mehr jammert, denkt lieber noch einmal drüber nach.“ damit drehte Sha-Ani sich um und ging hinaus in die Küche. Zurück ließ sie eine völlig perplexe Cassie und einen vor sich hingrummelnden Garion. Zornig und mit dem Gefühl, überhaupt nicht verstanden worden zu sein, tappten beide hinaus. Sie wandten sich nach links, gingen die Säulenreihe entlang bis zum Strand und regten sich die ganze Zeit über die Ungerechtigkeiten dieser Welt auf. Cassie war noch wütender als Garion und sie schimpfte sogar über Sha-Ani, von der sie Mitleid und Trost erwartet hatte, keinesfalls aber diese rüde Zurechtweisung und den abrupten Hinauswurf. Doch nach und nach wurde ihr Gemecker leiser und sie begannen, über die Sätze Sha-Anis nachzudenken. Wahrscheinlich gerade deshalb, weil sie es so hart gesagt hatte, hatten sich ihre wenigen Sätze sehr gut eingeprägt. Die Zwei saßen am Strand und versuchten, Belganor ohne Vorurteile zu betrachten. Das fiel ihnen außerordentlich schwer, doch schließlich mußten sie sich gegenseitig eingestehen, dass Sha-Ani recht hatte. Belganor war nicht ungerecht oder gemein. Niemand von ihnen war bestraft wurden, für etwas, was er nicht auch gemacht hatte. Und eigentlich waren es auch keine Strafen gewesen. Belganor hatte nur sehr viel mehr verlangt von ihnen. Und wenn sie dies nicht erfüllt hatten, dann hatte er noch mehr gegeben, um sie dazu zu bringen, mehr zu leisten. Die Art und Weise dieser merkwürdigen Lehrmethode ging Cassie zwar nicht in den Kopf, aber sie kam nicht drumherum… sie mußte zugeben, dass sie in den letzten Wochen mehr gelernt hatte, als in der ganzen Zeit in Tassiah.
Sie saßen noch immer da, als Sha-Ani sich von hinten näherte und sich neben die beiden in den Sand setzte. „Nun?“ fragte sie „Ist Euch etwas klar geworden?“ Cassie und Garion nickten und teilten ihr mit, was sie herausgefunden hatten. Sha-Ani lächelte und sagte: „Es hätte mich auch gewundert, wenn ausgerechnet einer meiner Söhne plötzlich so ekelhaft geworden wäre, wie ihr Zwei ihn dargestellt hattet!“ Nun schämten sich Cassie und Garion noch einmal so viel. „Warum hast Du uns das nicht gleich gesagt?“ fragte Cassie. „Weil ihr Belganor nicht danach beurteilen solltet, dass er mein Sohn ist, sondern danach, was richtig ist. Und nun kommt! Es wird Zeit, dass Ihr Euch wieder auf den Heimweg macht!“
Seit diesem Tag lernten Cassie und Garion fleißig und ohne zu murren. Schon bald konnten sie tiefer in die Namari-Felder eindringen und sich zu zweit auch schonmal den Cyborgs und den Teufels- und Kampfriesen entgegenstellen. Mit ihrem Ehrgeiz zogen sie auch die anderen der Gruppe mit und bald war Belganor mit der Truppe sehr zufrieden. Nur gezeigt hätte er ihnen das nie.
Kapitel 14 – Morcan
Ein Jahr war inzwischen ins Land gezogen. Cassie war mittlerweile zu einer jungen Frau herangewachsen. Garion begleitete sie noch immer auf ihren Wegen und die beiden standen sich in ihrem Können in nichts nach. Ihre Ausbildungszeit war beendet und sie konnten tun und lassen, was sie wollten. Da sie in der Zwischenzeit gelernt hatten, Geister zu beschwören, die sie im Kampf unterstützten und auch Auren erzeugen konnten, die ihnen ebenfalls halfen, waren sie auf den Schutz eines Ausbilders nicht mehr angewiesen. Die Auren zu lernen, hatte eine ganze Weile gedauert, da die nötigen Beschwörungsformel nicht einfach zu behalten waren. Mittlerweile konnten sie sie aber so gut, dass sie diese auch im Schlaf hätten aufsagen können. Die eine Aura verlieh ihnen mehr Kraft, womit sie dann automatisch auch mehr Schaden anrichteten. Mit der anderen konnte sie z.B. Garion im Kampf unterstützten, in dem sie die Aura auf ihn und sich selbst zauberte. Damit erhielt sie automatisch einen Teil des Schadens, den er selbst abbekam. Mittlerweile kannten sie die Namari-Felder in- und auswendig und waren auch schon in den zugehörigen unterirdischen Gewölben unterwegs. Aber hier war Cassie überhaupt nicht gerne. Die Gewölbe waren riesige Labyrinte, in denen sie sich ständig verlief. Wenn sie aber doch mal dort unterwegs war, dann hatte sie immer Garion an ihrer Seite und sagte jedesmal: „Wenn ich Dich nicht hätte, würde ich hier unten sicher verhungern, weil ich den Ausgang nicht mehr finde!“ Und jedesmal lachte Garion über ihren mangelnden Orientierungssinn und freute sich nebenbei sehr darüber, dass sie ihn brauchte. Die schwere Eisenrüstung hatten sie schon vor vielen vielen Monaten abgelegt und trugen jetzt rot-weiße Kleidung, die unheimlich angenehm zu tragen war und vor allem bei Cassie ihre fraulichen Reize sehr gut zur Geltung brachte.
Sie waren inzwischen auch nicht mehr ausschließlich mit anderen Lichtelfen unterwegs, sondern auch mit ganz gemischten Völkergruppen. Erst gestern waren sie in einer 6-er Gruppe unterwegs gewesen, die aus ihnen beiden, einem Magier, einem Menschen und zwei Schwertkämpfern bestanden hatte. Cassie hatte das sehr viel Spass gemacht und vor allem den Magier namens Morcan hatte sie sehr interessant gefunden. Morcan war älter als sie selbst und beherrschte seine Kampfkünste und die Magie schon sehr gut. Er war ganz in grün und schwarz gekleidet und sah darin ausnehmend gut aus. Außerdem sprühte er geradezu vor Charme und neckte Cassie zu gerne. Aber er tat das sehr nett, dass Cassie ihm nicht wirklich böse sein konnte.
Garion wiederum gefiel es überhaupt nicht, dass dieser alberne Kerl mit seinen magischen Blitzen so um Cassie herumscharwenzelte. „Wenn ich Cassie so necken würde wie der, würde sie mich eine ganze Woche lang nicht angucken, geschweige denn mit mir sprechen!“ dachte er ziemlich sauer. Erschrocken mußte er sich eingestehen, dass er eifersüchtig war. Das wiederum bedeutete, dass er in Cassie mehr als nur einen guten Kumpel und Weggefährten sah. Noch erschrockener ob dieses abstrusen Gedankens zog er sich zurück und weigerte sich für den Rest des Tages, mit Cassie irgendetwas zu unternehmen. Er brauchte Zeit, um diesen Gedanken entweder für immer abzuwürgen oder ihn sich einzugestehen.
Cassie war sauer, dass Garion sich so plötzlich verabschiedet hatte und blickte ihm wütend nach. Morcans Frage warf sie dann gänzlich aus der Bahn. Er fragte sie nämlich, ob sie nicht nächste Woche mit nach Nuro wolle. „Wir wollen im Steinschloss mal richtig aufräumen und könnten Dich… ähm… also… eine Lichtelfe dabei sehr gut gebrauchen.“ Bei der Erwähnung Nuros schossen Cassie die Tränen in die Augen. Sie hatte es bislang vermieden, alles, was damit zusammenhing, auszusprechen oder kennenzulernen. Zu traurig waren die Erinnerungen an ihr Zuhause dort. Garion wußte das und wartete einfach auf den Tag, an dem die Namari-Felder Cassies natürlicher Neigung zu Herausforderungen nicht mehr genügten. Doch Morcan konnte das alles nicht wissen und er war jetzt völlig überfordert damit, dass Cassie plötzlich die Tränen die Wangen herunterliefen und sie ihn so schmerzvoll ansah. Zögernd näherte er sich ihr und legte die Arme um sie. „Hab ich was falsches gesagt?“ flüsterte er in ihr Ohr, während er gleichzeitig den Duft ihrer Haare mit bebenden Nasenflügeln einsog. „So eine Frage kann auch nur ein Mann stellen!“ brachte Cassie schluchzend hervor. „Warum sonst wohl fange ich plötzlich an zu heulen? Weil mir grade danach ist?“ Cassie schwankte zwischen Traurigkeit, Wut über seine unbeabsichtigte Dummheit und Scham, weil sie hier stand und heulte. Andererseits fand sie es auch irgendwie schön, so von Morcan gehalten zu werden und so ließ sie ihren Tränen freien Lauf und hoffte, das Morcan sie niemals mehr loslassen würde.
Aber irgendwann waren alle Tränen geweint und nach einigen trockenen Schluchzern hatte sie sich soweit beruhigt, dass Morcan sie eigentlich hätte loslassen können. Doch er hielt sie weiterhin im Arm und atmete beruhigend in ihr Haar. Cassie fühlte sich völlig geborgen. Dieses Gefühl hatte sie schon ewig nicht mehr gehabt. Nur bei Sha-Ani und Mailina hatte sie sich ähnlich gefühlt, aber auch da war es irgendwie anders. „Willst Du mir erzählen, was ich dummes gesagt habe?“ fragte Morcan sie sanft und Cassie nickte.
Hand in Hand gingen sie zu der kleinen Schenke in der Burg, setzten sich an einen Tisch und Cassie erzählte von ihrer Heimat, ihren Eltern und ihrer Schwester. Von ihren Beweggründen, alles in möglichst kurzer Zeit zu lernen und von ihren Schmerzen. Sie brauchte sehr lange dafür, denn immer wieder verwischten neue Tränen ihr Blickfeld und trübte der Schmerz ihre Gedanken. Einige Male war sie kurz davor, nicht weitererzählen zu können und zu wollen. Doch die Hand Morcans, die ihre sanft hielt und die Anteilnahme in seinen Augen gaben ihr Kraft, ihm alles zu erzählen. Als sie am Ende angekommen war, rutsche Morcan um den Tisch herum und nahm sie fest in den Arm. Sie war dankbar, dass er nichts sagte, sondern sie einfach nur festhielt und Trost alleine durch seine Umarmung vermittelte. Irgendwann fragte Morcan sanft: „Und Garion? Wer ist er?“ Etwas irritiert schaute Cassie hoch. „Was soll mit ihm sein? Er ist ein Kumpel, den ich seit meinem ersten Tag im Ausbildungslager in Tassiah kenne. Was meinst Du denn?“ Doch Morcan schüttelte den Kopf und meinte: „Nichts weiter. Ich wollte nur wissen, wer er ist!“ Insgeheim jedoch dachte er: „Ich werde nicht derjenige sein, der Dir sagt, dass Garion Dich liebt. Denn auch ich habe mich in Dich verliebt!“ Und so zog er Cassie wieder an sich heran und sie blieben dort sitzen, bis die Schenke ihre Türen schließen mußte.
Morcan brachte Cassie zu ihrer Unterkunft und nahm sie dort noch einmal in den Arm. Er hauchte ihr einen Kuss aufs Haar und fragte: „Wollen wir morgen mal versuchen, ganz in Ruhe nach Nuro zu gehen, mein Kleines? Ich möchte Dir gerne helfen, Deine Barriere zu durchbrechen und will Dir damit zurückgeben, was Nuro lange Jahre für Dich war… ein Zuhause!“
Cassie grauste es vor dem Gedanken, nach Nuro zurückzukehren. Doch gleichzeitig wußte sie, dass sie nicht ewig davor weglaufen konnte. Und so nickte sie, während ihr schon wieder Tränen in die Augen schossen. Sie zwinkerte sie weg und blickte hoch zu Morcan. Sie wollte sich alle Einzelheiten einprägen, um sein Gesicht mit in den Schlaf nehmen zu können. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und streifte flüchtig mit ihren Lippen seine Wange. Während ihr die Röte ins Gesicht schoss, drehte sie sich um und rannte fluchtartig die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf.
Morcan führte die Hand an seine Wange, als wolle der den zarten Kuß für immer dort festhalten. Er drehte sich um und das Licht der Wegbeleuchtung fing sich in seinen glücklich strahlenden Augen.
Kapitel 15 – Heimlicher Abschied
Am nächsten Morgen wachte Cassie mit gemischten Gefühlen auf. Sie freute sich darauf, Morcan wiederzusehen, hatte aber gleichzeitig Angst vor seinem Vorhaben. „Ich sollte das auf jeden Fall mit Garion besprechen. Er will sicher mit!“ sprach sie ihrem Spiegelbild zu. Also wusch sie sich schnell und schlüpfte in ihre Kleider. Mit wenigen Schritten war sie an Garions Tür und klopfte an. Als sie keine Antwort erhielt, öffnete sie die Türe vorsichtig, weil sie dachte, dass er noch schlafen würde.
Doch das Bett war leer. Sie schloss die Türe und flitzte die Treppe hinunter. Sicher war er schon beim Frühstück. Und ja… da saß er und kaute mißmutig an einem Stück Brot herum. Cassie setzte sich neben ihn und wünschte ihm fröhlich: „Guten Morgen!“ Und weil Cassie nun wirklich kein Ausbund an Feinfühligkeit war, reagierte sie überhaupt nicht auf seine schlechte Laune und sein gebrummeltes: „Morgen!“
Mit der Unschuld eines Kindes erzählte sie von Morcan, von seiner Wärme und Anteilnahme, seinem lieben Gesicht und seinem Plan, ganz in Ruhe nach Nuro zu gehen. Garion wurde es schlecht, als er sie so von dem blöden Magier schwärmen hörte und er hatte wirklich Mühe, das bisschen Brot nicht wieder auf den Teller vor ihm zu spucken. „Kommst Du mit, Garion? Ich hätte Dich wirklich gerne dabei. Du bist doch mein bester Kumpel und mein Weggefährte von Beginn an. Bitteeeeee!“ bettelte Cassie und hatte immer noch nicht mitbekommen, dass Garion vor unterdrückter Wut mittlerweile mit den Zähnen knirschte. Erst als keine Antwort von ihm kam und er sie auch nicht anschaute, kam ihr in den Sinn „Ist was?“ zu fragen.
Garion zählte in Gedanken bis zehn. Es würde niemandem etwas nützen, wenn er jetzt wutentbrannt auf sie einschrie und sie eine gefühllose dumme Gans nannte. Er ballte die Hände unter dem Tisch zur Faust und quetschte zwischen den Zähnen hervor: „Ich werde nicht mitgehen!“ Und da er sich nicht sicher war, ob er nicht doch noch rumbrüllen würde, stand er rasch auf und lief hinaus. Völlig verblüfft schaute Cassie ihm nach. „Was ist denn mit dem los?“ fragte sie sich. Sie stand auf und lief ihm nach. Aber er war schon um die Ecke verschwunden und auf ihr Rufen reagierte er nicht. Da ihr sein Benehmen aber keine Ruhe ließ, machte sie sich auf die Suche. Statt Garion lief sie aber Morcan über den Weg und erzählte ihm gleich, was soeben passiert war. Morcan fand sich in der Zwickmühle. Er wußte ja, warum Garion so gehandelt hatte. Aber da er selbst Cassie liebte, wollte er ihr nicht erzählen, dass auch Garion es tat. Er hatte Angst, sie zu verlieren. Und der Gedanke daran, war extrem schmerzhaft. So versucht er es mit Ausreden. „Vielleicht hat er schlecht geschlafen oder er hat sich den Magen verdorben. Wenn ich was gegessen habe, was mir nicht bekommt, werde ich auch immer ganz brummig!“ Cassie zog die Augenbrauen hoch. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass das der Grund sein könnte. Schließlich lebte sie praktisch seit vielen Jahren mit Garion zusammen. Bei diesem Gedanken zuckte sie zusammen. Sollte das etwa der Grund sein? Fühlte ihr langjähriger Vertrauter sich vielleicht ausgeschlossen durch das Auftauchen von Morcan? Sie fragte Morcan danach und dieser kam nun nicht mehr drumherum, ihr zu sagen, was er dachte. „Es ist bestimmt so, Kleines. Ich glaube nämlich, das Garion mehr in Dir sieht, als eine langjährige Freundin und Weggefährtin.“ – „Was soll das heißen? Willst Du mir damit etwa sagen, dass er mich lieb hat?“ fragte Cassie perplex. Und Morcan nickte. „Ja, genau das meine ich.“ – Ja, aber… aber warum hat er mir das denn nie gesagt?“ stammelte sie. Ihr Gegenüber lächelte leise und meinte: „Ich glaube nicht, dass Garion das bis gestern überhaupt selber gewußt hat. Da mußte erst ich kommen. Ein Magier, älter, erfahrener und fleissig dabei, einer kleinen Lichtelfe den Hof zu machen, weil er sich von der ersten Sekunde an ihn sie verguckt hat.“ Cassie zuckte zurück. Das war jetzt doch ein bisschen viel auf einmal. Doch Morcan griff nach ihr und zog sie sanft zu sich heran. Kaum spürte Cassie seine Arme um sich, da verlor sie sich schon wieder im Gefühl der Geborgenheit und konnte ihre Gedanken besser ordnen. „Willst Du mir helfen, Morcan?“ fragte sie ihn. Und als er nickte, gingen sie beide los, um Garion zu suchen und mit ihm zu sprechen. Sie suchten ihn mehrere Stunden, doch er blieb verschwunden. Als sie an dem Haus angekamen, wo Cassie und Garion ein Zimmer hatten, fragte Cassie dort nach ihm. Von der Wirtin erhielt sie die Aussagen, dass der junge Herr seine Sachen gepackt hätte und fortgegangen war, ohne noch etwas zu sagen. Cassie war entsetzt und traurig. Sie reiste mit Morcan an ihrer Seite sofort nach Tassiah, doch auch dort konnte sie ihn nirgendwo finden.
Und es sollte sehr lange dauern, bis sie ihn wieder einmal mit ihm sprechen sollte.
Kapitel 16 – Zurück nach Nuro
Nachdem sie gestern den Tag mit der Suche nach Garion verbracht hatten und Morcan abends Mühe hatte, Cassie zu trösten, wollten sie heute versuchen, nach Nuro zu gehen. Cassie sträubte sich zunächst, sah aber dann nach langem Zureden ein, dass es keinen Sinn hätte, es noch weiter aufzuschieben.
So trafen sie sich direkt am Zonenwarp und Morcan ging gleich durch, um sie in Nuro-Stadt in Empfang nehmen zu können. Er wartete und wartete, doch es kam keine Cassie. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch zu bleiben und zurückzukehren, stand Morcan dort. Wenn er jetzt zurückging und Cassie genau in dem Moment auch warpte und er dann nicht hier wäre, wäre das sicherlich furchtbar für sie. Wenn sie aber nun vor dem Warp stand und auf seine Rückkehr wartete, weil sie nicht den Mut fand? Was dann? So zappelte Morcan hin und her vor Unentschlossenheit und verfluchte sich selbst dafür. Endlich überwand er sich und warpte zurück. Cassie stand noch immer vor dem Portal und zitterte, während ihre Augen vor Tränen überschwammen. „Ich kann es nicht!“ schluchzte sie, als Morcan sie in den Arm nahm. „Doch, Du kannst es!“ lautete seine eindringliche Antwort. „Komm, Kleines, wir versuchen es zusammen!“ – „Aber das geht doch gar nicht!“ fuhr sie ihn an. Morcan, unbeeindruckt, von ihrem scharfen Ton meinte: „Es ist nicht ganz ungefährlich, Cassie. Aber es geht. Wenn wir uns ganz gut aneinander festhalten, sollte es möglich sein.“ Und er zerrte sie mit sanfter Gewalt mit sich. Schließlich ergab sich Cassie in ihr Schicksal und folgte ihm. Kaum standen sie im Portal, leuchtete die Anzeige auf. Morcan tippte auf „Nuro“ und quetschte sich dann eng an an Cassie, die ihn genauso fest hielt. Bei der Ankunft purzelten sie übereinander und ernteten einige Lacher der Umstehenden. Morcan half ihr auf und führte Cassie, die die Augen fest zusammen gekniffen hatte, erstmal ein wenig zur Seite. Sie ließen sich am Rande des Platzes nieder und während Cassie langsam aufhörte zu zittern, sprach Morcan auf sie ein. Cassie nahm die Worte an sich nicht wahr, aber allein der Klang seiner Stimme beruhigte sie. Schließlich konnte sie die Augen öffnen. Vorsichtig, immer das Gemurmel von Morcan im Ohr, blickte sie sich um. Erstaunt nahm sie war, das sich nichts in Nuro-Stadt geändert hatte. Die Stände waren noch immer am gleichen Platz, schienen die gleiche Ware anzubieten und sogar die Händler selbst waren noch die gleichen wie vor so vielen Jahren.
Nun, wo sie einmal hier war, wurde ihre angeborene Neugierde geweckt und sie schaute sich intensiver um. Das einzige, was ihr zu damals als Unterschied auffiel, war, dass nun viel mehr Leute unterwegs waren als damals. Der Platz war unglaublich voll. Schwertkämpfer, Menschen, Magier und Lichtelfen liefen durcheinander, unterhielten sich und boten sich gegenseitig Ware an. Manche trugen schneeweiße Rüstungen, Menschen waren in merkwürdig blau gefärbte Kleidung gehüllt und eine Magierfrau stach besonders hervor, da sie bonbonrosa Gewänder trug. Als Cassie diese Frau sah, kicherte sie hinter vorgehaltener Hand. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Morcan nahm dieses Kichern mit einem leisen Seufzer zur Kenntnis. Vorsichtig stand er auf und zog dann auch Cassie hoch. Mit leicht zitternden Knien, aber fast schon trotzig ging Cassie mit Morcan auf Entdeckungstour. Ab und zu blieb Morcan stehen, um sich kurz mit anderen zu unterhalten oder auch, um sie auf etwas aufmerksam zu machen. Das konnte Ware sein, die beim Händler auslag oder Wesen anderer Rassen, die er kannte, aber zu weit weg waren, um sie begrüßen zu können. So schlenderten sie einige Zeit umher und Cassie gewann an seiner Seite allmählich ihren Mut und ihr Vertrauen zurück.
Nach einem kurzen Mittagsmahl willigte sie auf seine Bitte ein, sich auch außerhalb ein wenig umzusehen. Da Morcan mittlerweile wußte, wo Cassie aufgewachsen war, schlug er genau die Gegenrichtung vor. „Lass uns zur Burg Maldin gehen, Kleines. In dieser Richtung sind nur wenige gefährliche Tiere, so dass Du Zeit hast, Dich umzuschauen.“ Beklommen nickte Cassie. Sie gingen in westlicher Richtung aus der Stadt hinaus. Sie überquerten den Fluss, gingen den Weg entlang und kamen schon kurze Zeit später in der Burg Maldin an. Da Cassie hier als Kind nie gewesen war, zeigte Morcan ihr die ganze Burg mit ihren Gängen und den darin umherwandernden Wesen. „Vor diesen Speerträgern und Hexen brauchst Du keine Angst zu haben. Sie sind die Bewacher der Burg und werden erst aktiv, wenn diese einmal durch feindliche Mächte angegriffen werden sollte. Und das ist schon ewig nicht mehr vorgekommen.“
Zum Schluss ihrer Erkundungstour zeigte Morcan ihr den Kristallraum. Cassie bestaunte die golden schimmernden Wände und die fremden Schriftzeichen darauf. „Was ist das hier?“ – „Dies ist der Kristallraum. Hierher versuchen diejenigen zu kommen, die die Burg angreifen. Denn nur hier kommt der Kristall der Macht zum Vorschein. Und wer diesen in den Händen hält, ist Besitzer über die Burg. Unsere jetzigen Burgherren sind jedoch so prima, dass niemand Lust verspürt, sie zu verjagen. Außerdem sind sie auch noch ziemlich stark, so dass nur wenige eine Chance haben würden, sie auch wirklich verjagen zu können.“ – Aber ist es nicht schade, dass so ein schöner Raum, so einen schrecklichen Zweck erfüllt?“ fragte Cassie. „Ach… dieser Raum hat noch eine Bedeutung, so dass ihn sehr oft viele Rassen betreten. Denn hierher kommen viele Paare, um sich trauen zu lassen.“ Cassies Kopf fuhr herum und Morcan bemerkte, wie das Blut ihm in den Kopf schoss. Das kam davon, wenn er nicht nachdachte und einfach losplapperte. Cassie fing an zu grinsen, als sie seinen roten Kopf sah. Und als ihn ihre offensichtliche Heiterkeit noch tiefer erröten ließ, konnte sie das Lachen nicht mehr zurückhalten. Sie rutschte an der Wand herunter, an der sie gerade noch gelehnt hatte und hielt sich den Bauch vor Lachen. Morcan, dem es eigentlich überhaupt nicht gefiel, wenn jemand über ihn lachte, konnte sich irgendwann auch nicht mehr halten. Cassies Lachen war so ansteckend, dass er einfach mitlachen mußte. Nachdem beide sich wieder beruhigt hatten, stellte Cassie fest, dass ihr Heiterkeitsausbruch vieles fortgeschwemmt hatte, was an Angst in ihr gewesen war. Sie fiel dem verblüfften Morcan um den Hals und drückte ihn fest an sich. Morcan schob sie sanft von sich, um ihr in die Augen schauen zu können. Was er dort sah, ließ ihn vor Freude erschauern. Cassies Augen leuchteten voller Leben und ihr Gesicht strahlte im empfundenen Glück. Sanft schob er eine Hand unter ihr Kinn und näherte sich, ihren Blick mit seinem festhaltend, langsam ihrem Gesicht. Zärtlich berührte er mit seinen Lippen die ihren, genoss deren Weichheit und das Gefühl ihrer beginnenden Liebe.
Kapitel 17 – Ben und Sandy
Erst spät am Abend kehrten Morcan und Cassie zurück in die Burg des gewonnenen Landes. Sie nahmen noch zusammen ein Abendessen ein, dann kehrte jeder zurück in seine Unterkunft. Morcan wäre gerne noch länger bei Cassie geblieben, doch er spürte, dass sie erstmal alleine sein mußte, um ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen. Und da er nichts zerstören wollte, was noch gar nicht richtig angefangen hatte, zog er sich nach einem kleinen Kuss zurück.
Cassie lag in dieser Nacht lange wach. Zu viel war in den letzten zwei Tagen auf sie eingestürmt. Ihre Reise nach Nuro und die Ängste und Hoffnungen, die sie mit der Reise nun erstmal verdauen musste. Und natürlich noch die Sache mit Garion. Sie konnte einfach nicht fassen, dass er so einfach weggegangen war. Er fehlte ihr und sie hätte unheimlich gerne mit ihm über alles gesprochen. Andererseits konnte sie verstehen, dass es ihm wehtat, wenn sie mit Morcan zusammen war und über ihn sprach. Bei dem Gedanken an Morcan glitt ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie fühlte, wie es in ihrem Bauch kribbelte und eigentlich hätte sie ihn jetzt gerne hier neben sich. Sie wollte sich an ihn kuscheln und dann einschlafen, sicher gehalten in seinen Armen. Doch sie wollte nicht zu viel auf einmal und der Gedanke, nun ständig mit ihm zusammen zu sein, machte ihr auch Angst. „Ich habe einfach zu wenig Erfahrung mit der Liebe!“ dachte sie. „Naja… was heißt zu wenig! Eigentlich doch gar keine!“ Bei dem Gedanken mußte sie kichern. Und so drehten ihre Gedanken sich immer wieder im Kreis, bis sie endlich einschlief.
Leises Klopfen an der Türe weckte sie bereits vier Stunden später. „Cassie?“ hörte sie im Halbschlaf eine Stimme ihren Namen rufen. „Bist Du wach?“ Es dauerte eine Weile und drei weitere „Cassie“-Rufe, bis sie die Stimme einordnen konnte. „Morcan?“ nuschelte sie durch die geschlossene Tür, während sie aufstand und sich das Bettlaken um den Körper wickelte. Völlig verstrubbelt und eigentlich noch schlafend öffnete sie die Tür. Davor stand wirklich Morcan. Doch er war nicht alleine. Hinter ihm standen zwei weitere Gestalten, ein Mensch und eine Schwertkämpferfrau. Sie zu sehen, sich an ihr derzeit unmögliches Aussehen zu erinnern, einen spitzen Schrei loszulassen und die Türe wieder zuzuknallen, war innerhalb eines Wimpernschlages passiert. Sie flitzte an die Waschschüssel, wusch sich, zog sich ordentlich an und kämmte ihre langen blonden Haare. Dann öffnete sie erneut die Türe. Sie bemühte sich, dies ganz gelassen zu tun, so als wäre überhaupt nichts geschehen. Und das Grinsen im Gesicht des Menschen übersah sich geflissentlich. Sie räusperte sich und sagte: „Hallo Morcan. Was verschafft mir die Ehre Deines frühen Besuches?“ Auch Morcan räusperte sich kurz, während er eifrig versuchte, das amüsierte Grinsen nicht wieder auf seine Lippen zu bekommen. Er verlor den Kampf, noch während er sich erneut räusperte. Cassie schaute ihn vernichtend an. „Wenn Du jetzt lachst, kannst Du Dich auf was gefasst machen!“ sagten ihre blitzenden Augen. Also nahm Morcan den Kampf mit dem Lachen erneut auf und gewann diesmal. Allerdings nur knapp. „Ähm… Cassie… also… Also so früh ist es gar nicht. Immerhin ist es schon später Vormittag! Und wir wollten Dich fragen, ob Du mitkommen möchtest nach Nuro!“ – „Und wer ist ’wir’?“ fragte Cassie etwas angefröstelt. Das würde sie ihm niemals verzeihen, nahm sie sich vor. „Also wir, das sind einmal ich…“ Er lächelte schon wieder, während er auf sich zeigte und dann auf die zwei Gestalten hinter ihm. „und Ben“ - der Mensch verbeugte sich leicht – „und auch Sandy.“ Cassie starrte die Schwertkämpferfrau an. So etwas hatte sie noch nicht gesehen. Die Frau trug einen Lendenschurz um die Hüften und war auch sonst nur spärlich bekleidet. Sie stellte ihren muskelbepackten Körper somit sehr freizügig der Öffentlichkeit zur Schau. Und wie ihre Eltern auf die Idee kommen konnten, ihr einen so zart klingenden Namen wie Sandy zu geben, konnte sie grade nicht nachvollziehen. Die Frau hatte bislang ein sehr eisernes Gesicht gezeigt, in dem sich kein Muskel regte. Doch nun trat sie vor, schubste Morcan nicht gerade zärtlich zur Seite, streckte Cassie die große kräftige Hand entgegen und lächelte sie an. „Hallo Cassie! Morcan hat heute Nacht soviel von Dir erzählt, dass wir Dich einfach auch kennenlernen wollten!“ Cassie spürte, wie schon wieder die Röte ihren Hals hochstieg. „Und was hat er so alles erzählt?“ fragte sie. „Och… nur gutes, Cassie. Keine Angst. Er war wirklich ausnehmend brav. So kennen wir ihn sonst gar nicht!“ „Bist Du jetzt endlich still!“ fauchte Morcan, während er nun Sandy zur Seite stubste. „Was soll Cassie denn von mir denken, wenn Du hier so etwas erzählst!“ Doch Sandy grinste nur breit. „Du bist ein Scheusal!“ knurrte Morcan. „Danke… Das Kompliment gebe ich gerne zurück!“ antwortete Sandy. Cassie blickte von einem zur anderen und mußte bei dieser Kabbelei doch lächeln. „Seid ihr immer so nett zueinander?“ fragte sie. Die beiden Angesprochenen guckten erst sich an, dann Cassie und während sie heftig nickten, lachten sie ausgiebig. „Daran darfst Du Dich nicht stören, Kleines! Vielmehr solltest Du Dich daran gewöhnen, denn das wirst Du öfters mitbekommen, wenn wir zusammen unterwegs sind! Aber wechseln wir das Thema… Magst Du nun mitkommen?“ Cassie nickte. Sie konnte sich vorstellen, dass ein Nachmittag mit den Dreien durchaus lustig werden würde. „Aber nur, wenn ich noch was frühstücken darf! Ich verhungere nämlich!“ Zusammen gingen die Vier in den Schankraum und verputzten ein ordentliches Frühstück, das – rein zeitlich gesehen – schon fast ein Mittagessen war.
Solchermaßen gestärkt maschierten bzw. flatterten sie zum Zonenwarp und von da aus gleich nach Nuro-Stadt. Cassie stellte fest, dass es ihr jetzt kaum noch etwas ausmachte, hier zu sein. Ben und Sandy hatten von Morcan gehört, was damals passiert war und als Cassie darum bat, nicht in die Richtung ihres Elternhauses zu gehen, waren sie sofort einverstanden. Sie bewegten sich in Richtung der Burg Maldin und von da aus weiter zum Steinschloss. Hier fühlte sich Cassie ausnehmend wohl. Die Bewohner des Schlosses waren nicht allzu stark und konnten von den vier Gefährten schnell vertrieben werden. Die Gänge des Schlosses waren sehr verschachtelt aufgebaut und ließen eigentlich nur den Weg nach vorne oder zurück zu. Cassie hatte zu ihrer Freude entdeckt, dass sie durch die Wände hindurchteleportieren konnte. Und sehr zum Verdruss ihrer Gefährten nutzte sie diesen Vorteil ausgiebig. Während also die anderen mühsam die Gänge entlangrennen mussten, teleportierte sich Cassie einfach durch die Wände und wartete dann dort wieder, bis die anderen kamen. Jedesmal tappte sie ungeduldig mit dem Fuß und rief: „Wo bleibt ihr denn?“ oder „Kommt ihr auch nochmal?“. Dabei grinste sie von einem Ohr zum anderen.
So durchstöberten sie das gesamte Schloss, trafen auf mehrere Echsenarten und in der Mitte des Schlosses auch auf einen Taaron, der sich mit seiner fürchterlichen Keule ganz schön zur Wehr setzte. Cassie beschwor einen Geist nach dem anderen, um die Kreatur von Sandy wegzuhalten, die sonst die Schläge der Keule abbekam. Schließlich hatten sie auch den Taaron in die Flucht geschlagen und keuchend machten sie sich auf den Rückweg. Die Sonne ging schon langsam unter und Cassie fragte sich, wo die Zeit geblieben war. Es war so schön gewesen mit den Dreien und sie hatte selten so viel gelacht wie heute.
Nach einem kleinen Abendessen und einem zärtlichen Gute-Nacht-Kuss von Morcan fiel sie müde, aber rundrum glücklich ins Bett.
Kapitel 18 – Überraschungen
Die Wochen gingen ins Land. Cassie war nun fast täglich mit Ben, Sandy und natürlich Morcan unterwegs. Ihre zarte Liebe zu ihm wuchs in dieser Zeit stetig.
Eines Tages wollten alle nach Tassiah, um dort einige Einkäufe zu erledigen. Cassie ging gerne mit. Sie wollte die Zeit nutzen, um bei Sha-Ani und Mailina vorbeizuschauen. In Tassiah angekommen, trennten sich die Freunde und Cassie flatterte direkt zu Sha-Ani. Sie klopfte an und trat ein. Im Haus empfingen jedoch nicht die ihr bekannten Gesichter, sondern eine ihr völlig fremde Lichtelfe. „Bin ich hier nicht im Hause Sha-Anis?“ fragte Cassie verdutzt. Sie überlegte kurz, ob sie sich in der Türe geirrt hätte. „Doch, das bist Du. Doch Sha-Ani ist derzeit nicht da. Sie ist in Yaars!“ „In Yaars?“ Cassie blickte verständnislos. Wo sollte das denn sein?
Das Gesicht der Fremden hatte inzwischen einen leicht abweisenden Ausdruck angenommen. „Vielleicht verrätst Du mir er einmal, wer Du bist?“ Cassie überwand ihre Überraschung und auch Enttäuschung. Sich verbeugend sagte sie: „Bitte entschuldigt meine schlechten Marnieren. Mein Name ist Cassie.“ Die Lichtelfe vor ihr zog die Augenbrauen hoch. „Ach! Du bist Cassie?! Nun, mein Name ist Destiny. Ich übernehme gegenwärtig die Aufgaben von Sha-Ani.“ „Ehrenwerte Destiny! Würdet Ihr mir bitte mehr über Sha-Anis Abwesenheit und Yaars erzählen?“ Die Lichtelfe vor ihr nickte und lud sie ein, sich zu setzen. Dann erzählte sie ihr, dass Sha-Ani zusammen mit Mailina nach Yaars gegangen war. „Was sie dort allerdings wollen, hat sie mir nicht erzählt.“ Cassie zog ihren unnachahmlichen Flunsch. Sie hatte sich so auf ein Wiedersehen gefreut! „Und wo und was ist Yaars?“ hakte sie nach. „Kann ich so dort besuchen?“ Destiny schüttelte den Kopf. „Nein, Cassie. Dort kannst Du noch nicht hin. Yaars ist nur über das Land Solost zu erreichen. Dein Vater, der Hüter der Insel, war auch der Wächter über den Eingang zu Solost.“ Cassie zuckte bei der Erwähnung ihres Vaters zusammen. Doch inzwischen waren so viele Jahre vergangen, dass ihre Trauer längst nicht mehr so schmerzlich war. „Ich weiß vom Schicksal Deiner Familie und alle Wesen unserer Rasse bedauern das harte Los, das Dich traf.“ Das Destinys Gesicht hatte weichere Züge angenommen. „Sha-Ani hat oft von Dir erzählt und daher kenne ich Dich auch!“ „Aber was ist denn nun mit Yaars?“ beharrte Cassie auf ihre Frage, die ihre Frage von vorhin nicht hinreichend genug beantwortet fand. „Das kann und darf ich Dir jetzt noch nicht erzählen. Ich würde Dich damit wahrscheinlich in Gefahren bringen, die Du jetzt noch nicht bestehen kannst.“ Destiny hob die Hand, als Cassie trotzig Einspruch erheben wollte. „Du hast sehr viel gelernt in den vergangenen Jahren. Doch bist Du noch nicht erfahren genug, um den Weg durch Solost unbeschadet überstehen zu können. Von Yaars will ich erst gar nicht sprechen! Und nun lass uns das Thema wechseln. Erzähl mir bitte ein wenig von Dir, damit ich es an Sha-Ani und Mailina weitergeben kann, wenn sie wieder hier sind.“ Cassie begriff, dass sie keine weiteren Informationen bzgl. Yaars aus ihr herausbekommen würde und so erzählte sie von ihrer Ausbildung, vom Verschwinden Garions, von Morcan, Ben und Sandy und davon, dass mit ihnen in Nuro unterwegs war. „Liebst Du diesen Morcan?“ erkundigte sich Destiny unverblühmt. „Wie kommst Du darauf?“ stotterte Cassie verlegen. Ein leises Lachen tönte zu ihr herüber. „Wenn Du Deine Augen gesehen hättest, als Du seinen Namen aussprachst, dann wüßtest Du, wie ich darauf komme!“ Nun mußte auch Cassie lachen. Sie konnte sich vorstellen, wie ihre Augen aufgeglüht hatten. Denn wenn sie z.B. vor einem Spiegel stand und an Morcan dachte, dann sah sie dieses Glühen auch. Destiny und Cassie schwatzten noch eine Weile, bis Cassie plötzlich einfiel, dass es Zeit wurde zu gehen. Sie verabschiedete sich und bat Destiny, Grüße auszurichten, wenn die Herrin des Hauses zurück käme. Destiny versprach dies und geleitete Cassie vor die Tür, wo sie sich ein letztes Mal verabschiedeten.
Cassie ging langsam die Händlerstraße entlang und hielt Ausschau nach ihren Freunden. Sie wollte sie unbedingt zu Solost und Yaars befragen. Gerade schaute sie nach links, als sie von rechts unsanft angerempelt wurde und fast hingefallen wäre. Eine schimpfende Sandy stand keine drei Schritte neben ihr und schimpfte laut vor sich hin.
„Abzocker! – Was bildet ihr euch ein? – Eine Unverschämtheit!“ so wetterte Sandy vor sich hin und holte grade neuen Atem, um nun denjenigen anzubrüllen, der es gewagt hatte, ihr im Weg zu stehen. Ihre Augen blitzten, als sie sich herumdrehte, doch als sie Cassie erkannte, entwich die Luft zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen. Cassie konnte nicht anders. Sandy sah so komisch aus in diesem Moment, dass sie anfing zu lachen. „Das ist nicht komisch!“ schimpfte Sandy nun. „Weißt Du, was diese Betrüger für einen Wetzstein haben wollen? 120 Goldstücke wollen die haben!“ Sie drehte sich wieder zur Türe des Ladens und brüllte: „Betrüger!“ hinein, bevor sie sich mit einem Schnauben abwandte, die noch immer lachende Cassie am Arm nahm und sie mit sich zerrte. Cassie konnte sich vor Lachen kaum noch auf den Beinen halten. So schleppte Sandy sie in die nächste Gastwirtschaft und ließ sie unsanft auf die nächste Bank plumpsen. „Was findest Du bloss so komisch?“ fragte Sandy sie grollend. Cassie hatte mittlerweile Schluckauf vom Lachen und hickste: „Du hättest… hick… Dich sehen sollen… hick… das… hick… sah einfach… hick … zu komisch aus… hick!“ Sandy musste angesichts der hicksenden Lichtelfe nun doch lachen und das zornige Blitzen verschwand aus ihren Augen. Noch während die beiden so da saßen und sich amüsierten, kamen auch Morcan und Ben herein. Nachdem sie über den Ursprung der seltenen Heiterkeit von Sandy aufgeklärt wurden und Cassie sich soweit beruhigt hatte, dass ihr Schluckauf sich legte, zerrte Morcan ein riesiges Paket hervor. Dieses hatte Cassie gar nicht wahrgenommen, als er in die Gaststube kam. Jetzt bestaunte sie das riesige Ding. „Was schleppst Du denn da mit Dir rum?“ „Ich schleppe das ab sofort gar nicht mehr. Das ist nämlich für Dich!“ Cassie schaute ihn verblüfft an. „Für mich?“ „Jops, Kleines! Nun guck nich so… mach es auf. Ich will wissen, ob sich der Aufwand gelohnt hat.“ Cassie öffnete das Paket vorsichtig. Sie wußte nicht, was sie erwartet hatte, aber das sicherlich nicht. Sie zog ein Teil nach dem anderen heraus und hatte zum Schluss eine komplette, gänzlich schwarze Rüstung vor sich liegen. Schuhe, Helm, Oberteil und Hose. Bewundert ließ Cassie ihre zitternden Finger über das glatte Metall der Teile gleiten, während ihr Tränen in die Augen schossen. Morcan nahm ihre recht Hand und fragte vorsichtig: „Freust Du Dich nicht?“ Da sprang Cassie auf, flitzte um den Tisch und fiel Morcan um den Hals. Sanft machte sich dieser aus der stürmischen Umarmung frei, da Cassie ihn in ihrem Überschwang fast erwürgte. „Das soll wahrscheinlich bedeuten, dass Du Dich doch freust!“ lächelte er. Cassie war zu überwältigt von diesem wundervollen Geschenk, als dass sie etwas hätte sagen können. Und so nickte sie nur glücklich und gab ihm dann einen langen langen Kuss.
Anschließend nahm sie die neue Rüstung an sich und verschwand in einem Nebenraum. Sie zog sich die glänzenden Teile an. Sie passten wie angegossen. Ihre bisherige Kleidung raffte sie kurzerhand zusammen und stürmte zurück in den Gastraum. Ihre drei Freunde bewunderten sie ausgiebig und teilten ihr mit, dass sie nun nicht mehr wie eine kleine niedliche Lichtelfe aussehen würde, sondern wie eine machtvolle und vor allem gefährliche Lichtelfe. Da fiel Cassie ein, was sie ihre Freunde fragen wollte und platzte mit der Frage heraus: „Wisst ihr, wo und was Solost und Yaars sind?“
Kapitel 19 – Solost
Nach Cassies Frage herrschte kurz betretene Stille. Schließlich räusperte sich Morcan und sagte: „Wir allen kennen Solost und auch Yaars. Es ist wirklich sehr gefährlich dort, erst recht für eine noch relativ unerfahrene Lichtelfe wie Dich. Wenn wir dort einmal hingehen, dann nehmen wir immer jemanden mit, der sich dort bereits auskennt und weiss, was er tun und auch lassen muss.“ „Soll das heißen, Ihr würdet mich nicht mitnehmen?“ Cassie blitzte die drei an. „Du mußt das verstehen, Kleines. Ich will doch nicht, dass Dir etwas passiert!“ Morcan verzweifelte ein wenig. „Ach ja?“ Cassie ging in Angriffsstellung. „Und wie bitte haben die Lichtelfen, die ihr mitzunehmen pflegt, es gelernt? Denen ist das Wissen wahrscheinlich zugeflogen!“ Sie schnaubte. „Oder kann es sein, dass diese Lichtelfen es vielleicht mit Hilfe von anderen gelernt haben?“ Morcan schaute zu Boden. Er wußte, dass sie Recht hatte. Hilflos schaute er Ben an. Doch dieser blickte demonstrativ in eine andere Richtung. Also sah er zu Sandy rüber. Die schaute zurück und meinte dann zu Cassie: „Du hast natürlich Recht, Cassie. Alle lernen von denen, die es schön können. Aber die, die dort zum ersten Mal sind, tragen Rüstzeug, das selbst Deinem Schwarzen hier noch weit überlegen ist.“ „Ich bin aber nicht wie die anderen!“ murrte Cassie. Die Stimmung am Tisch war merklich umgeschlagen. Und das Schweigen, das Cassies letztem Satz nachhing, wurde immer bedrückender. Morcan, die ihren Dickkopf nun schon kannte, hatte Angst, dass Cassie es ohne sie versuchen würde. Sie würde sich wahrscheinlich so lange durchfragen, bis irgendjemand ihr den Eingang zu Solost zeigte. Aus Angst versuchte er mit einem recht unfeinen Mittel, ihr dies auszureden. „Aber Kleines, der Eingang zu Solost liegt auf der Insel!“ Doch Cassie war so wütend, dass die anderen sie wie ein kleines Mädchen behandelten, dass sie darauf nicht reagierte. „Ich danke Dir, dass Du mir die Suche danach erspart hast. Jetzt weiss ich doch wenigstens, wie ich dorthin komme!“ Ihre sonst so hübschen, sanften Augen hatten sich zu Schlitzen verengt als sie Morcan ansah. Sandy an ihrer Seite seufzte. „Ich mache Dir einen Vorschlag, Cassie. Ich kenne einen Lichtelfen, der dort schon sehr oft war. Was hälst Du davon, wenn Du Dir von ihm alles zeigen läßt.“ Cassie blickte zu ihr rüber und dachte kurz über ihren Vorschlag nach. Er kam ihr durchaus fair vor und so nickte sie. „Aber wir werden mitkommen!“ sagte Morcan. „Du wirst dort keinesfalls alleine mit dem Lichtelfen rumturnen. Und überleg Dir jetzt gut, ob Du wirklich auf unseren Schutz verzichten kannst.“ Morcan war ein wenig sauer auf Sandy. Wie konnte sie so eine idiotische Idee vorbringen? Ihr mußte doch klar sein, dass Cassie auch in der schwarzen Rüstung noch viel zu unerfahren war, um sich gegen die dort herrschenden Monster durchsetzen zu können. „Ich bin einverstanden!“ sagte Cassie in seine Überlegungen hinein. „Und wenn ihr mich jetzt bitte entschuldigen wollt. Ich wäre jetzt gerne ein wenig allein.“ Sie wandte sich zum Gehen. „Ach, eine Frage noch! Wie heißt der Lichtelf?“ Sandy antwortete: „Sein Name ist Xarvos. Kennst Du ihn?“ Cassie überlegte kurz, schüttelte dann den Kopf. Der Name war ihr gänzlich unbekannt. „Treffen wir uns heute abend zum Essen?“ fragte Ben, um die noch immer gespannte Atmosphäre ein wenig in andere Richtungen zu lenken. Cassie blickte erst ihn, dann Morcan an. Ihre Stimme zitterte vor unterdrückter Wut, als sie antwortete: „Wenn der Herr damit einverstanden ist, auch weiterhin mit einem kleinen Mädchen zu speisen?“ Sobald sie es gesagt hatte, tat es ihr auch schon wieder leid. Sie hatte sich so kindisch angehört, dass sie genau das bestätigte, was er von ihr denken mußte, dass sie eben doch noch ein kleines Mädchen sei. So versuchte sie zu retten, was zu retten war und hob trotzig den Kopf, um dann auf ihn herabzusehen. Morcan verkniff sich das Lächeln, dass sich aus der Tiefe seines Herzens nach oben stahl und antwortete übertrieben ernst: „Ich speise gerne mit kleinen Mädchen. Diese haben immer so amüsante Ideen.“ Cassie stieg die Röte ins Gesicht. Ein letzter bissiger Blick und sie stapfte zur Tür hinaus.
Kaum war sie weg, konnte Morcan sein Grinsen nicht mehr zurückhalten. Ein kurzer Seitenblick zeigte ihm, dass auch Ben und Sandy grinsten. Morcan konnte nicht länger böse sein. Weder auf Sandy, noch auf Cassie. Letztendlich hatte Sandy ja recht. Cassie mußte lernen, sich dort zurechtzufinden. Und mit ihnen drei als Schutz und einem erfahrenen Lichtelfen an der Seite, sollte es auch gut gelingen. Morcan quetsche die nächste halbe Stunde Sandy über diesen Xarvos aus. Zum einen wollte er natürlich wissen, ob dieser wirklich so gut war und zum anderen mußte er auch feststellen, ob er eventuell Konkurrenz bedeuten könnte. Aber nach der Schilderung von Sandy brauchte er sich diesbezüglich überhaupt keine Sorgen zu machen.
Cassie war inzwischen schnurstracks zum Warp geflogen und hatte sich nach Nuro zu teleportiert. Etwas unschlüssig stand sie anfangs auf dem großen Platz in Nuro-Stadt. Doch schließlich hatte sie sich durchgerungen und schwebte los. Sie hielt sich an die alten Flusswege und näherte sich immer mehr ihrer heimatlichen Insel. Nicht selten ergriff sie fast Panik und sie mußte sich zusammenreißen, um nicht umzukehren. Aber ihr eigener Dickkopf, der sonst oft im Weg war, half ihr nun. Schließlich stand sie am Rande der Insel und konnte etwas weiter entfernt den Bootssteg sehen, der vor ihrem Elternhaus in den See hineinragte. Sie näherte sich langsam und stand schließlich vor der einfachen Holzhütte. Lange betrachtete Cassie sie. Sie wußte nicht, was sie bei ihrem Anblick erwartet hatte, doch ihre Reaktion überraschte sie nun selbst. Sie fühlte nämlich – nichts! Es war, als würde sie nichts mehr mit dieser Hütte verbinden. Sie wußte, wenn sie sie betreten würde, könnte sie blind dort umherlaufen, so genau konnte sie sich an alles erinnern. Was fehlte, war das Gefühl, zu Hause zu sein. Etwas irritiert hopste sie auf den Bootssteg und hielt erst an der Türe wieder an. Doch ihr Empfinden änderte sich nicht. Sie griff nach dem Türknauf… aber die Türe war abgeschlossen. Sie versuchte, durch die Fenster zu schauen. Doch diese waren so schmutzig, dass sie nichts im Inneren erkennen konnte. Cassie schaute noch eine Weile auf die geschlossene Türe, lauschte in sich hinein, doch als nichts kam, weder Trauer noch Sehnsucht, weder Schmerz noch Angst, wandte sie sich ab und suchte die Insel nach dem Eingang zu Solost ab. Sie hüpfte mittels Teleportation über die halbe Insel und da diese nicht besonders gross war, hatte sie den Eingang schnell gefunden. Sie trat durch das Tor und fand sich in einer Welt wieder, die sich von allem unterschied, was sie bislang gesehen hatte.
Alles um sie herum war in blaues Licht getaucht. Es funkelte und blinkte überall. Staunend sah sich Cassie in der Höhle um. Sie sah mehrere andere Rassen, die dort standen oder saßen, ein Mensch schien sogar zu schlafen. Dann entdeckte sie den Händler und steuerte darauf zu. Die Kinnlade fiel ihr herab, als sie die Preise sah. Die von ihr immer benötigten Geistersteine waren hier fast doppelt so teuer wie dort, wo sie sie sonst kaufte. Ansonsten bot er nicht viel anderes an, als sie es schon von anderen Händlern kannte. Lediglich etwas, das „Warp für Unterland“ hieß, sah sie zum ersten Mal. Sie wandte sich ab, ohne ihn gekauft zu haben. Erstens war sie nur hier, um sich ein wenig umzusehen und zweitens wollte sie so etwas teures gar nicht haben. So sah sie sich noch in der Höhle um und entdeckte einen zweiten Ausgang. Vorsichtig streckte sie ihr neugieriges Näschen hinaus und sah zwei Kreaturen, die dort herumlungerten. Da sie ziemlich garstig aussahen, traute sie sich nicht weiter vor. Von hinten näherte sich ein Schwertkämpfer in weißer Rüstung, schob sich an ihr vorbei, trabte auf die Kreaturen zu und metzelte sie kurzerhand nieder. Cassie wollte ihn schon fragen, ob er sie ein Stück begleiten könne, doch da machte es „wupppp“ und er war verschwunden. Erstaunt hob sie die Augenbrauen und starrte auf die Stelle, an der er eben noch gestanden hatte. Sie war so verblüfft, dass sie nicht mitbekam, wie sich von rechts eine weitere Kreatur näherte. Und da sie zwischenzeitlich einige Schritte vorgegangen war, war sie nun angreifbar, wie sie schnell bemerkte. Gerade noch rechtzeitig konnte sie sich vor den langen Krallen in Sicherheit bringen und hüpfte mit einem Satz zurück in die große Höhle. Schwer atmend kam sie erst beim Händler wieder zum Stehen. Für heute hatte sie genug. Mit einem letzten Blick verschwand sie durch das Tor, welches sie hergebracht hatte und schwebte nach Nuro-Stadt zurück. Sie schwor sich, heute abend nichts zu den anderen zu sagen. Sie befürchtete nämlich, dass sie dann wieder irgendwelche Predigten über sich ergehen lassen müsste.
Von Nuro-Stadt warpte sie zurück in die Burg, machte sich frisch und wartete dann in der Gastwirtschaft auf die anderen, die auch bald darauf eintrafen.
Kapitel 20 – Lehrstunden bei Xarvos
Als Morcan als erstes auf den Tisch zuging, sprang Cassie auf und lief ihm ein paar Schritte entgegen. Ihr Verhalten von heute mittag tat ihr leid und sie entschuldigte sich wortreich. Gleichzeitig hatte aber auch Morcan angefangen zu reden, weil es auch ihm leid tat, dass er sie so dumm behandelt hatte. So redeten beide gleichzeitig, hörten gleichzeitig auf, weil sie dem anderen zuhören wollten und fingen dann wieder gleichzeitig an zu reden, weil der andere nichts sagte. Das ganze endete in einem befreienden Lachen und beide wußten, dass sie nichts mehr sagen mußten. Morcan nahm Cassie in den Arm und zog die noch immer kichernde Lichtelfe an sich. „Chm-chm!“ räusperte sich Ben hinter ihnen und meinte dann: „Könnten wir uns setzen? Ich habe Hunger!“ Das ungleiche Paar vor ihm fuhr auseinander und lächelnd setzten sich alle hin. Sie gaben gerade ihre Bestellung ab, als ein Lichtelf an ihren Tisch trat und sagte: „Ich grüße Euch. Mein Name ist Xarvos!“ Sandy sprang auf, begrüßte ihn lautstark und stellte ihm dann die anderen vor. Morcan beobachtete ihn genau, als ihm Cassie vorgestellt wurde. Doch Xarvos begrüßte sie mit dem gleichen höflichen Kopfnicken wie auch alle anderen und Morcan schnaufte seinen angehaltenen Atem erleichtert aus.
Cassie war furchtbar neugierig auf alles, was dieser Lichtelf ihr erzählen konnte, aber sie mußte sich in Geduld üben, denn zunächst wurde gemütlich gegessen und über alles mögliche geplauscht.
Dann, endlich, nach dem Essen, kam Sandy auf das Wesentliche zu sprechen. „Wie ich Dir schon erzählt hatte, Xarvos, haben wir hier eine noch junge Lichtelfe, die unbedingt lernen möchte, wie man in Solost zurecht kommt. Du hast Dich bereit erklärt, ihr zu helfen. Doch vielleicht möchtest Du vorher noch ein wenig erzählen?!“ Und Xarvos erzählte bereitwillig. „Solost wurde früher auch die ’Blaue Welt des Meeres’ genannt. Sie stellte einst den ungehinderten Zugang zu Yaars dar. Mittlerweile jedoch haben sich in den Gängen von Solost Wesen breitgemacht, die es jedem Reisenden sehr erschweren, Yaars gesund zu erreichen. Diese Wesen haben auch Fallen gebaut, so dass einem von der Decke Steine auf den Kopf fallen können oder auch Stacheln aus dem Boden hervorschnellen. Diese Fallen sind fest installiert, so dass man sie mit ein wenig Übung und Merkfähigkeit umgehen kann.“ Cassie schluckte. Merkfähigkeit war nun wirklich keine Stärke von ihr. „In Solost selbst gibt es Händler, wo man sich mit den wichtigsten Dingen versorgen kann. Einer direkt am Eingang, einer im Unterland, was ungefähr in der Mitte zu Yaars liegt und dann ein letzter am sogenannten Yaarslift. Ab dem Yaarslift wird der Weg extrem schwer. Feindliche Wesen und jede Menge Fallen sind dafür verantwortlich und man sollte den Weg nur in einer größeren Gruppe gehen. Oder als Lichtelf mit der Ruhe-Aura.“ Xarvos Kopf fuhr zu Cassie herum. „Beherrschst Du diese Aura?“ Cassie guckte ihn zweifelnd an. „Ruhe-Aura?“ fragte sie. Xarvos rollte einmal die Augen und meinte dann: „Also nicht. Nun gut… bring ich Dir die eben auch noch bei!“ Morcan mußte in sich hineinkichern. Wenn er sich weiter so verhielt, brauchte er schon gar keine Angst mehr zu haben, dass er ihm seine Cassie abspenstig machen würde. Xarvos wandte sich wieder von Cassie ab und machte in seinem Monolog weiter. „Weiter zu Solost: Die Wesen dort haben unterschiedliche Angriffstechniken und Stärken. Natürlich gibt es sie auch in verschiedenen Ausführungen und …“ Cassie schaltete ihre Ohren auf Durchzug. Xarvos Art zu sprechen, so ohne große Betonung, schläferte schlichtweg ein. Sein Monolog ging ihr gehörig auf die Nerven und so versuchte sie lieber, unter dem Tisch mit ihrem Fuß das Bein von Morcan zu erreichen. Völlig in diese Beschäftigung vertieft, bekam sie nicht mit, dass Xarvos aufgehört hatte zu sprechen und sie anstarrte. Erst als die Stille am Tisch richtig schwer wurde, fuhr sie zusammen. „Was?“ fragte sie irritiert. Ben grinste, Sandy verkniff sich mühsam das Lachen, Morcan guckte auch leicht irritiert und Xarvos guckte beleidigt. „Was denn?“ fragte sie erneut, während die Röte ihren Hals hochstieg. „Ich fragte, ob ich Dich langweile und ob Du den Eingang zu Solost kennst!“ knurrte Xarvos sie an. Sie wurde noch röter. Sicherheitshalber ging sie gar nicht auf seine erste Frage ein, sondern beantwortete nur die Zweite „Nein, kenne ich nicht!“ log sie. „Aber Du bist doch auf der Insel aufgewachsen, sagte man mir!“ erwiderte Xarvos erstaunt. Jetzt merkte Cassie, wie leichte Wut in ihr hochstieg. „Wenn Du das weißt, dann doch sicherlich auch die Umstände, die danach folgten.“ Nun war es an Xarvos, leicht rötlich anzulaufen. Er entschuldigte sich in aller Form für seine Taktlosigkeit. Cassie war zunächst geneigt, ihn abblitzen zu lassen. Doch sie zügelte sich, indem sie daran dachte, dass er ihr helfen könnte und so nahm sie die Entschuldigung an. Nachdem dies geschehen war, meinte der Lichtelf vor ihr: „Nun, was haltet ihr davon, wenn wir gleich morgen früh dorthin gehen? Vorausgesetzt, es passt Euch!“ Cassie nickte. Je eher sie dort waren, desto eher konnte sie lernen und auch die anderen nickten. So verabredete man sich für den nächsten Morgen in Nuro-Stadt. Während Xarvos den Tisch verlies, blieben die andere noch sitzen und unterhielten sich. Erst spät in der Nacht verabschiedete Cassie sich mit der Entschuldigung, dass sie für morgen fit sein wolle. Ein letzter Kuss für Morcan und sie entschwand.
Am nächsten Morgen trafen sich alle verabredungsgemäß in Nuro-Stadt. Ohne lange Worte überließen sie Xarvos die Führung und folgtem ihm. Er nahm allerdings einen ganz anderen Weg, als den, den Cassie gestern genommen hatte. So erreichten sie den Eingang zu Solost von der Rückseite her. Cassie war ihm dankbar dafür, auch wenn er sicher andere Beweggründe hatte, als sie selbst. So mußten sie nämlich nicht an ihrem Elternhaus vorbei und damit mußte sie auch nicht erklären, warum es ihr NICHT wehtat, dort vorbeizugehen. Lediglich Morcan betrachtete sie aus den Augenwinkel und schien auf eine Reaktion zu warten. Doch Cassie beschloss, ihn nicht zu beachten und tat so, als wäre sie völlig verwundert, als sie das Portal nach Solost erreicht hatten. Sie maschierten gleich durch, da sich zwei Narioden näherten und keiner Bedarf hatte, sich mit diesen zähen Tieren anzulegen. Auch bei dem dortigen Händler hielten sie sich nicht auf, da sie sich schon mit allen nötigen Dingen eingedeckt hatten.
Sandy trat zuerst durch den Ausgang hinaus, um eventuelle Angreifer abblocken zu können. Doch keines der Wesen, die sie gestern gesehen hatte, kamen zum Vorschein. So wandten sie sich nach rechts und folgtem dem Gang. An der ersten Abzweigung gingen sie nach links und gleich wieder nach rechts. Noch immer stießen sie auf keine fremden Wesen. Xaros plapperte unentweg auf Cassie ein, mahnte ständig zur Vorsicht. Cassie ließ die Worte an sich runterrieseln. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, sich den Weg einzuprägen. Doch schon nach der fünften Abzweigung hätte sie nicht mehr sagen können, wie sie hierhergekommen war. Sie dachte an die anderen Dungeons und daran, wie sie sich immer verlaufen hatte. „Wenn doch nur Garion hier wäre!“ Mit Schrecken stellte sie fest, dass sie laut gesprochen hatte, denn Xaros fragte: „Garion? Kennst Du ihn?“ – „Kennst DU ihn etwa?“ entgegnete Cassie statt einer Antwort. „Es ist höchst unhöflich, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten. Aber wenn wir den gleichen Garion meinen, dann kenne auch ich ihn. Er ist ein Lichtelf, müßte ungefähr so alt sein wie Du und er ist ein vehementer Einzelgänger und kann sehr biestig sein, wenn man ihm in die Quere kommt.“ – „Auch ich kenne einen Lichtelfen namens Garion, der in meinem Alter sein muss. Allerdings war der niemals Einzelgänger und schon gar nicht biestig.“ – „Nun, den Garion, den ich kenne, ist es jedenfalls. Allerdings habe ich gehört, dass er früher anders gewesen ist. Man munkelt, dass eine unglückliche Liebe ihn so hart gemacht haben. Warst Du etwa diese Liebe?“ Cassie kam sich durchschaut vor und wollte gar nicht darauf antworten. Das Glück in Gestalt eines Shockers kam ihr zu Hilfe. Dieses bösartige Wesen war zwar nicht besonders klug, dafür aber umso brutaler. Mit Elektrizität lähmte es seine Opfer, um ihnen dann den Gnadenstoss zu versetzen. Aber gegen ihre geballte fünfköpfige Macht kam er nicht an, so dass er sich gerade noch in Sicherheit bringen konnte. Dieser kleine Zwischenfall hatte Xarvos so abgelenkt, dass er keine Antwort mehr von Cassie forderte. Und da die anderen immer vorne liefen, hatten sie von dem Gespräch gar nichts erst mitbekommen. Cassie hätte zwar gerne noch mehr von ihm gehört, wollte aber nicht fragen, damit sie nicht in die Verlegenheit kam, ebenfalls antworten zu müssen.
Plötzlich zerrte Xarvos an ihrem Arm und hielt sie zurück. „Hier mußt Du besonders vorsichtig sein. In dieser Ecke gibt es Königswürmer, die in Löchern hausen und ohne Vorwarnung angreifen. Sie sind nur schwer zu treffen, erst recht für Lichtelfen. Pass auf! Sandy wird sich jetzt einem Loch nähern. Ihr kann nichts mehr passieren, da der Schaden für sie nur noch gering ist.“ Und wirklich tappte Sandy langsam auf ein Loch im Boden zu. Erschrocken fuhr Cassie zwei Schritte zurück, als ein riesiger Wurm aus dem Loch hervorgeschossen kam. Ein wahnsinnig großes Maul öffnete sich und zeigte nadelspitze Zähne, zwischen denen einige unappetitliche Fetzen hingen. Nachdem Cassie genügend Zeit gehabt hatte, diesen Widerling zu betrachten, holte Sandy ihr Schwert vom Rücken und tötete ihn mit drei Schlägen. Xarvos zerrte Cassie mit sich und meinte: „Komm mit. Diese Würmer sind wirklich ekelhaft. Kaum ist einer von ihnen getötet worden, streiten sich im Untergrund zehn weitere um die Behausung. Somit sind diese Löcher nie lange unbewohnt und man beeilt sich lieber, an ihnen vorbeizukommen.“ Cassie legte einen Flügelschlag zu und schwebte an dem Loch vorbei. Ziemlich eklige Geräusche klangen daraus hervor, so als würde irgendetwas den toten Wurm anknabbern. Sie schüttelte sich und war froh, als das Loch mit den Knabbergeräuschen hinter ihr blieb. Nach vielen Ecken und Abbiegungen, nach langen Gängen und unendlichen vielen "Achtung!" und "Pass auf!" kamen sie zu guter Letzt im Unterland an. Cassie freute sich, in dieser relativ sicheren Zone mal ein wenig ihre Nerven beruhigen zu können. Sie hätte nicht gedacht, dass es so stressig sein würde, durch Solost zu laufen.
Xarvos hockte sich neben sie auf den Boden und auch die anderen sammelten sitzend neue Kraft für den weiteren Weg. Und dann kam die Frage, die Cassie nicht hören wollte. „Erzählst Du mir jetzt, woher Du Garion kennst und ob Du diese verlorene Liebe bist?“ Sie funkelte Xarvos an. „Das geht Dich nichts an!“ fauchte sie. „Oho!“ lächelte Xarvos. „Hab ich da etwa einen wunden Punkte getroffen?“ Nun schaltete sich Morcan ein. „Bitte, Xarvos! Wir sind Dir alle sehr dankbar, dass Du Cassie hilfst. Aber es wäre nett, wenn Du Dich aus ihrem Privatleben heraushalten würdest.“ Xarvos rollte mit den Augen. „Ich würde nur gerne wissen, warum sie sich Garion herwünscht, wenn wir durch Solost laufen!“ Jetzt schaute auch Morcan fragend und Cassie sah sich genötigt ein Geständnis abzulegen. „Ich wünschte ihn mir her, weil ich ein absolut miserables Orientierungssystem habe. Und Garion war immer derjenige, der mich in diesen Dungeon-Labyrinthen begleitet hatte, damit ich mich nicht verlaufen. Ich könnte Euch z.B. schon jetzt nicht mehr sagen, wie wir überhaupt hierher gekommen sind.“ Erwartungsgemäß fingen die anderen an zu lachen. Eine Lichtelfe ohne Orientierungssinn war aber auch komisch, da diese eigentlich einen natürlichen Kompass besaßen, der sie niemals den Weg verlieren ließ. Cassie konnte nicht anders. Jetzt, wo es heraus war, mußte sie einfach mitlachen. „Dann denke ich, ist es vielleicht am besten, wenn Du niemals alleine hier rum läufst. Zumindest so lange nicht, bis Du Dir die Wege durch ständige Wiederholungen einprägen kannst. Einverstanden?“ Ben hatte diesen Vorschlag gemacht und Cassie nahm ihn dankend an. Sie hätte ohnehin nicht den Mut gefunden, hier alleine zu sein.
Schließlich erhob Xarvos sich und meinte: „Wollen wir noch weiter? Oder erst morgen?“ Cassie wäre gerne noch weitergegangen, andererseits war sie von der Anspannung und den vielen Informationen jetzt schon kaputt. Und so sagte sie: „Mir wäre es lieber, wenn wir es morgen weiter versuchen würden. Irgendwie bin ich müde.“ Die anderen waren zwar nicht müde, nahmen aber gerne Rücksicht. So verließen sie Solost für heute und verbrachten den Rest des Tages in Nuro.
Kapitel 21 – Vom Yaarslift Richtung Yaars
Seit einigen Tagen nun waren sie immer wieder den Weg zum Unterdorf gelaufen und so langsam prägten sich ihr auch die markanten Stellen ein. Statt an jeder Abzweigung verlief sie sich höchstens noch zwei Mal und die Königswurmstellen hatte sie sich extrem gut gemerkt. Schließlich hatte eins dieser Biester sie fast erwischt, wäre Morcan nicht dazwischengesprungen und hätte den Schaden aufgefangen.
Heute nun wollten sie zügig durch bis zum Unterdorf gehen, was bedeutete, dass nicht Cassie führte, sondern Xarvos. Aber das nahm Cassie nicht übel. So gelangten sie heute tatsächlich innerhalb kürzester Zeit zum Händler und machten sich auch bald darauf auf dem Weg zum Zeitenlift. Cassie versuchte nun schon gar nicht mehr, sich den Weg einzuprägen. Außerdem gab es auf diesem Stück viel mehr Wesen auf die sie achten mußte. Eines davon bewachte einen langen Gang, war riesig groß, schwarz und schickte verheerende Blitzkugeln in ihre Richtung. Cassie war höchst erleichtert, als sie an dem vorbeiwaren. Xarvos versuchte unermüdlich, ihr die Beschwörungsformel für die Aura Ruhe beizubringen, aber diese war extrem schwer zu erlernen – und vor allem zu behalten – so dass es damit noch nicht so richtig klappte. Und wenn sie die Aura dann doch mal beschworen hatte, hielt sie nur ein paar Sekunden. Cassie war manchmal wirklich frustriert.
Nach dem langen Gang ging es nur noch um wenige Ecken und dann standen sie auch schon am Yaarslift. Beim dortigen Händler herrschte großes Gedränge und Cassie fragte: „Was ist denn hier los? Wo wollen die denn alle hin?“ Ben lachte und antwortete: „Ich schätze, dass die nach Yaars gehen werden. Und in einer großen Gruppe ist es schlichtweg einfacher.“ Cassie blickte sich um und meinte: „Gehen wir auch mit?“ Doch Morcan schüttelte sogleich den Kopf. „Auf keinen Fall, Kleines! Ich bin schon froh, wenn wir Dich hier heil durchbringen. In Yaars will ich Dich vorläufig ganz bestimmt nicht sehen!“ Cassie zog ihre Schnute, woraufhin Morcan lachen musste. „Keine Sorgen, Du kommst noch früh genug dorthin.“ Sie gab sich geschlagen. Es blieb ihr ja auch gar nichts anderes übrig. Sie wußte, dass mit Morcan nicht gut diskutieren war. Deshalb seufzte sie noch einmal kurz auf und fragte dann, wie es jetzt weiterginge. Xarvos gab die Antwort. „Wir werden von hier aus den Rest dieser Gänge erkunden. Ich vermute zwar nicht, dass Du jemals freiwillig und vor allem alleine hier unten sein wirst, aber es ist besser, wenn Du es wenigstens schonmal gesehen hast.“ Er blickte sich um. „Habt Ihr alles, was ihr braucht? Dann gehen wir nämlich gleich los!“
Sie überprüften ihre Ausrüstung und machten sich auf den Weg. Xarvos führte die Gruppe kreuz und quer durch die Gänge. Cassie hatte schon nach der dritten Abzweigung völlig die Orientierung verloren und konzentrierte sich lieber auf die Ausführungen ihrer Begleiter, die sie vor Fallen warnten oder über die hier herrschenden Wesen informierten. Völlig überrascht war sie, als sie plötzlich wieder vor dem Händlerraum standen. Da Cassie sich gut gehalten hatte, machte Sandy den Vorschlag: „Könnten wir nicht noch Richtung Yaars gehen? Nur, damit Cassie sich an den Weg gewöhnen und sich die vielen Fallen schneller merken kann?“ Morcan sagte gleich: „Kommt gar nicht Frage!“ und Ben meinte: „Ich find die Idee gut!“ Cassie blickte erwartungsvoll auf Xarvos. An ihm hing es nun. Er wiegte seinen Kopf hin und her und überlegte. Schließlich nickte er. „Versuchen können wir es auf jeden Fall. Wir werden sicherlich nicht bis zum Wächter des Tores vordringen können. Dafür sind wir einfach zu wenige. Aber zumindest in die Richtung können wir gehen.“ Cassie jubelte auf und sprang dem völlig perplexen Xarvos um den Hals. „Jippiiieeh!“ rief sie und „Danke!“ Morcan betrachtete den Gefühlsausbruch mit sehr gemischten Gefühlen. Es schmeckte ihm überhaupt nicht, wie sein Mädchen da jemand anderes abknuddelte. Und dann auch noch für etwas, was in seinen Augen völlig daneben war. Es konnte sooo viel passieren auf dem Weg dorthin. Er hatte gehofft, dass sie nach ihrem Ausflug zum Yaarslift wieder umkehren würden. Aber nein!!! Sie mußten ja noch Richtung Yaars laufen! Verärgert schnaubte ihr die Luft aus. Cassie und die Anderen ließen sich davon nicht stören und trabten los. Noch eifriger als sonst, versuchte Cassie sich alles zu merken. Den Weg, die Stellen mit den Fallen, die Informationen über die Wesen hier. Der Weg kam ihr nicht ganz so kompliziert vor, wie die vorherigen. Es schien immer nur eine Möglichkeit zum Weitergehen zu geben. Dafür waren die Fallen hier wirklich sehr oft vertreten und einmal konnte sie sich nur durch einen raschen Sprung zur Seite vor den scharfen Nadeln in Sicherheit bringen, die plötzlich aus dem Boden hervorschossen. Schließlich kamen sie wohl doch noch dort an, wo der Wächter zum Eingang nach Yaars hauste, denn Xarvos meinte, sie solle mal einen vorsichtigen Blick um die Ecke riskieren. Sandy stellte sich schützend vor sie und sie lugte an ihr vorbei in eine hallenartige Höhle. Dort wuchsen blau schimmernde Kristalle aus dem Boden und sie entdeckte Löcher, wie sie als Behausung von Riesenwürmern dienten. Und dann sah sie ihn, den Wächter. Er war einfach riesig! Braunes Fell bedeckte seine Beine. Statt normaler Hände hatte er drei Klauen an jedem Ende des Armes sitzen. Diese Klauen waren extrem spitz und Cassie konnte sich vorstellen, dass er damit jeden von ihnen mit einem Schlag ins Jenseits befördern könnte. Auf seinen Schultern und Oberarmen saß ein Panzer, aus dem viele spitze Stacheln hervorstachen. Sein Gesicht glich einer Fratze, aus Albträumen zusammengesetzt. Eine spitze Wolfsschnauze unter böse funkelnden Augen entblößte eine Reihe gefährlich aussehender Reiß-Zähne. Vorsichtig zogen sich Sandy und Cassie wieder zurück. „Wie besiegt man denn so etwas?“ fragte Cassie flüsternd. Und Morcan erwiderte: „Man besiegt den Wächter nicht im Kampf. Man muß ihn überlisten, ihn weglocken, um den Weg nach Yaars nehmen zu können. Niemand würde sich ihm in den Weg stellen, denn sogar seine Blicke sind tödlich. Und es ist schon oft passiert, dass der Weg nach Yaars abrupt abgebrochen werden mußte, wenn der Wächter ganz üble Laune hat.“ Morcan grinste ein wenig. „Ja aber, wie sollen denn dann Sha-Ani und Mailina hier durchgekommen sein?“ fragte Cassie verzweifelt. „Das kann ich Dir zeigen.“ meinte Xarvos, erzeugte die Ruhe-Aura um sich und maschierte in den Raum hinein.
Cassie quiekte auf und wollte ihn zurückhalten. Doch Ben hielt sie am Arm fest und schüttelte den Kopf. „Bleib ruhig und schau einfach mal zu!“ Cassie blickte um die Ecke. Xarvos flog langsam durch den Raum, direkt auf den Wächter zu. Und obwohl dieser wiederum in Xarvos Richtung blickte, nahm er ihn nicht wahr. Ungehindert erreichte er das Ende des Gewölbes und stand direkt vor dem Tor nach Yaars. Sekunden später war er durchgegangen und ihren Blicken entschwunden. „Siehst Du? Mit Ruhe kann Dir hier nichts passieren. Daher wird es wirklich Zeit, dass Du sie lernst!“ Cassie schaute verblüfft auf die Stelle, wo Xarvos verschwunden war. Sie hatte nicht gewußt, dass Ruhe so machtvoll war und nahm sich vor, jetzt ganz ernsthaft zu üben und nicht eher wieder nach Solost zurückzukehren, bis sie die Aura perfekt beherrschte.
So standen sie eine ganze Weile dort und wartete auf die Rückkehr von Xarvos. Dieser stand auch plötzlich wieder am Tor und die blaue Aura umleuchtete ihn noch immer, während er auf sie zuschwebte. Kaum war er bei ihnen, ließ er die Aura verschwinden, grinste breit und sagte: „Sieht gut aus in Yaars!“ Cassie funkelte ihn an. Er konnte wirklich extrem gemein sein. „Hast Du Sha-Ani oder Mailina zufällig gesehen?“ fragte sie. Er schüttelte den Kopf und meinte: „Nein, die beiden konnte ich nicht entdecken. Allerdings ist Yaars auch riesig groß und ich war ja nur dort, wo auch die Händler sind. Von daher wäre es sehr unwahrscheinlich gewesen, ausgerechnet dort auf einen von ihnen zu treffen. Aber ich habe jemand anderes gesehen. Doch lasst uns nach Nuro zurückkehren. Hier ist nicht die geeignete Stelle für einen gemütlichen Plausch!“ Alle nickten und kehrten auf kürzestem Wege nach Nuro-Stadt zurück.
Kapitel 22 – Wiedersehen
Kaum in Nuro angekommen, fragte Cassie, die vor Neugierde brannte: „Erzählst Du jetzt, wen Du getroffen hast?“ Xarvos drehte sich zu ihr herum. „Könnten wir uns vielleicht noch irgendwo hinsetzen, wo ich was zu trinken bekomme? Sonst verdurste ich hier nämlich auf der Stelle und dann erfährst Du auch nichts mehr von mir!“ Widerstrebend nickte Cassie. Sie glaubte zwar nicht, dass der Lichtelf gleich verdursten würde, aber wenn er so ätzend war, konnte man sowieso vergessen, irgendetwas aus ihm herauszubekommen.
Sie suchten sich einen Tisch in einer nahegelegenen Schenke und nachdem Xarvos sein Glas in einem Zug geleert hatte, fing er tatsächlich gleich an zu erzählen. „Vielleicht habt Ihr Euch gewundert, dass ich erst so spät wieder kam. Das lag daran, dass ich Garion oben bei den Händlern traf!“ Cassie zuckte zusammen. „Und ich habe ein wenig mit ihm geplaudert. Zum Glück war er gerade in etwas besserer Laune. Jedenfalls hab ich nach Sha-Ani gefragt und er sagte, dass sie noch hier oben wäre. Offensichtlich geht sie einigen Hinweisen nach, die Deine Schwester betreffen, Cassie!“ Wieder zuckte sie zusammen. So oft sie und ihre Freunden versucht hatten, etwas über das Schicksal von Divine zu erfahren, so oft hatten sie keine Antworten erhalten. Woher also wußte Sha-Ani etwas darüber? „Und was weiter? Nun erzähl schon und lass Dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!“ drängte Cassie sie ihn. „Nichts weiter. Alles andere wird er selbst erzählen, wenn er hierher komm. Und hör endlich auf zusammenzuzucken, wenn ich etwas sage, was Dich betrifft, Cassie! Das macht mich ganz nervös!“ knurrte Xarvos die junge Lichtelfe vor ihm an. Diese stand auf und murmelte: „Ich glaube, ich gehe lieber. Für ein Treffen mit Garion bin ich derzeit nicht in der Verfassung!“ – „Zu spät, Kleines!“ flüsterte Morcan. „Er kommt gerade zur Türe herein!“ Gehetzt blickte Cassie zur Türe. Tatsächlich stand dort Garion und suchte sie augenscheinlich im Gewimmel der übrigen Gäste. Da Cassie keine Möglichkeit zur Flucht fand, ließ sie sich auf den Stuhl zurückfallen. Unter dem Tisch suchte sie die Hand von Morcan und fühlte sich gleich besser, als dieser ihre Hand fest drückte und nicht mehr losließ.
Jetzt, wo Garion am Tisch stand und sie nicht mehr durch das Gegenlicht der offenen Türe geblendet wurde, konnte sie Garion genauer erkennen. Und was sie sah, erschreckte sie zutiefst, denn es deckte sich nicht mit ihren Erinnerungen an ihn. War es dort jugendlich und offen, so zeigte es jetzt einen verhärmten Ausdruck. Tiefe Falten hatten sich um seine Mundwinkel eingegraben. Auch das Glühen in seinen Augen war erloschen. Als er den Blick über die Anwesenden am Tisch gleiten ließ, streifte er auch Cassies Gesicht und verharrte dann dort zögernd. „Hallo Cassie!“ begrüßte er sie mit rauher Stimme. Cassie merkte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Was immer passiert war, das hätte sie niemals gewollt. Doch Garion hatte den Blick schon wieder abgewandt, setzte sich nun und schaute ausschließlich Xarvos an, und das, obwohl es doch eigentlich um ihre Angelegenheiten ging.
„Du hast mir gesagt, dass Cassie Sha-Ani und Mailina sucht. Ich weiss, dass die Beiden schon seit Wochen in Yaars unterwegs sind, um dort den Hinweisen nachzugehen, die ihnen zugetragen wurden. Über Erfolg und Misserfolg ihrer Suche nach Divine kann ich jedoch leider nichts sagen, da wir uns nur selten begegnen. Doch da sie noch immer suchen, scheinen sie die Hoffnung nicht aufgegeben zu haben.“ Seine Stimme nahm einen bitteren Klang an. „Aber ehrlich gesagt, teile ich ihre Hoffnung nicht. Ich kenne mittlerweile fast jeden Winkel in Yaars und habe nirgendwo auch nur irgendwas gefunden, was Grund zu Hoffnung geben würde.“ Cassie schluchzte auf. Es war nicht so sehr die Nachricht, dass es von ihrer Schwester nichts neues gab. Wenn sie ehrlich war, rechnete sie ohnehin nicht mit einem positiven Hinweis. Sie schluchzte, weil sie wußte, dass Garions letzter Satz nicht auf auf Divine gemünzt war, sondern auf sich und sie selber. Morcan wollte sie an sich ziehen, doch sie wehrte sich dagegen. Sie starrte Garion an, der noch immer den Kopf von ihr abwandte. Sie sah sein Profil und spürte seinen Schmerz. Sie suchte nach irgendetwas, was sie an sein früheres Ich erinnert hätte. Suchte nach Worten, die sie ihm hätte sagen können. Und doch blieb ihr beides versagt. Sie konnte nichts anderes als dasitzen, ihn stumm anstarren und sich verzweifelt fragen, wie es dazu hatte kommen können.
Mit einem Ruck stand Garion auf „Wenn ihr entschuldigt! Ich bin nur gekommen, weil Xarvos mich darum gebeten hatte. Was ich zu sagen hatte, hätte auch er Euch mitteilen können.“ und wandte sich zum gehen. Er war schon an der Tür, bevor Cassie realisiert hatte, dass er weg war. Sie riss sich endgültig von Morcan los und hetzte hinter ihm her. Ihre heutige Begegnung sollte nicht wieder so enden, wie vor so vielen Jahren. Morcan sprang ebenfalls auf und wollte hinter ihr herrennen, doch sowohl Ben als auch Sandy griffen nach ihm und hielten ihn zurück. „Lass sie, Morcan! Diesen Kampf muss sie nun alleine führen!“ Betroffen ließ Morcan sich zurückfallen und blickte sehnsüchtig zur Türe, durch die seine kleine Lichtelfe verschwunden war. „Aber wenn…!“ – „Kein aber!“ fiel Sandy ihm ins Wort. „Gib ihr einfach die Chance es richtig zu machen.“
Kapitel 23 – Trauer und Freude
Gehetzt rannte Cassie durch die Tür und sah gerade noch, wie Garion um die nächste Hausecke verschwand. Mit einem Satz teleportierte sie sich bis zu der Ecke und rannte gleich weiter. Nur wurde ihre Aufholjagd abrupt gestoppt, denn sie stieß mit Garion zusammen. Beide purzelten zu Boden und Cassie sah aus den Augenwinkeln, wie Garion sich mit der Hand über die Augen fuhr. Hatte er etwa geweint? Noch während sie wieder aufstanden, griff Cassie nach seinem Arm, doch er zuckte zurück als würde eine Berühung von ihr ihm Ekel bereiten. Angesichts dieser Reaktion verzerrte sich Cassies Gesicht vor Schmerz. Was war nur geschehen, dass er sie so schroff abwies? „Was willst Du?“ knurrte er. Cassie wußte nicht, was sie sagen sollte. Sein Verhalten, seine Körpersprache und auch seine Worte waren so furchtbar abweisend. Sie stand nur da, mit hängenden Armen und tiefer Schmerz blickte aus ihren Augen. „Willst Du mir wieder von Morcan erzählen? Wie toll er ist? Wie Verständnisvoll? Wie wunderbar und lieb?“ Jedes seiner Worte troff vor Hohn und brannte in ihrem Herzen. Tränen stiegen in ihr hoch. Flehentlich suchten ihre Augen um Verzeihung, wenn sie schon so dumm war und gerade jetzt kein Wort herausbringen konnte. Doch Garion sah sie nicht an. Er fixierte vielmehr einen Punkt hinter ihrer linken Schulter. „Was ist? Du bist doch sonst nicht so stumm!“ Nun blickte er sie doch an und Cassie konnte ganz weit hinten in seinen Augen Trauer und Leid lesen. Plötzlich wußte sie, dass sein Hohn nur eine Mauer war, mit der er sich zu schützen suchte. Und kaum hatte sie das begriffen, fand sie auch ihre Sprache wieder. Sanft bemerkte sie: „Bitte Garion, es tut mir unendlich leid. Glaube mir, das habe ich niemals gewollt!“ Garion schnaubte verächtlich durch die Nase. „Weißt Du, DAS glaube ich Dir sogar. Nicht einmal ich halte Dich für so gemein! Doch Du wirst einsehen, dass diese Tatsache es nicht besser oder entschuldbarer macht. Und wenn Du erlaubst, dann gehe ich jetzt. Man erwartet mich in Yaars!“ „Bitte geh noch nicht, Garion! Ich möchte so vieles von Dir wissen, Wie es Dir in den letzten Jahren ergangen ist. Ich möchte an Deinem Leben teilhaben und Dich an meinem teilhaben lassen. Du hast mir gefehlt. - Bitte!“ Für einen Moment dachte sie, die Mauer um Garion eingerissen zu haben, denn der Hohn entwich seinen starren Gesichtszügen. Ganz leise drangen seinen geflüsterten Worten an ihr Ohr. „Zu spät, Cassie. Viel zu spät!“ Ein letzter, qualvoller Blick, er wandte sich um und ging fort.
Schluchzend viel Cassie zu Boden. Sie weinte um das was sie gerade endgültig verloren hatte, um eine zerstörte Freundschaft. Doch am schwersten trug sie an dem Wissen, was sie selbst durch ihre Dummheit damals angerichtet hatte. Sie fühlte sich schuldig an seinem zerstörten Leben, an seiner Wandlung. Wo war der fröhliche, fast immer gut aufgelegte Junge von damals geblieben? Sein lachendes Gesicht, seine strahlenden Augen. Cassie glaubte an der Schuld zerbrechen zu müssen. So saß sie auf dem Boden und weinte bitterliche Tränen in die vor das Gesicht geschlagenen Hände.
Irgendwann spürte sie die Anwesenheit von jemandem in ihrem Rücken. „Geh weg!“ schluchzte sie. Sie ging davon aus, dass es nur Morcan sein konnte. Morcan war schließlich immer da, wenn es ihr dreckig ging. Ein unerklärlicher Zorn auf ihn überkam sie und sie wiederholte erstickt: „Bitte, geh doch einfach weg und lass mich allein!“ Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. „Willst Du das ganz bestimmt?“ fragte sanft eine Stimme. Bestürzt hielt Cassie erschrocken die Luft an. Das war nicht Morcan. Das war nicht einmal eine männliche Stimme. Das war... nein, das konnte doch nich sein! Oder doch?
„Sah-Ani?“ fragte Cassie und sprang auf. Durch tränenverschleierte Augen erkannte sie tatsächlich die weise Lichtelfe. Und neben ihr, halb hinter ihrem Rücken verborgen, sah sie Mailina. Schluchzend fiel sie den Beiden um den Hals und diese hielten sie sanft fest.
Kapitel 24 – Überraschungen
Es dauerte lange, bis Cassie sich soweit beruhigt hatte, dass ihre Tränen versiegten und ihre Worte nicht mehr durch ständiges schluchzen unterbrochen wurden. Nachdem sie sich noch einmal die Tränen abgewischt und die Nase kräftig geputzt hatte, überfiel sie die Beiden vor ihr mit Fragen. Sha-Ani lachte und erklärte dann: „Ersten ist hier sicher nicht der richtige Ort für so viele Antworten und zweitens wirst Du anscheinend erwartet!“ Cassie folgt ihrem Blick und entdeckte Morcan, der unruhig on einem Fuß auf den anderen trat und offensichtlich nicht wußte, ob er zu ihr gehen sollte oder lieber doch nicht. Erst als Cassie ihn mit deutlichen Gesten herbeiwinkte, setzte er sich in Bewegung. Er näherte sich mit Bedacht, da er eine ihm sonst unbekannte Scheu vor der alten Lichtelfe in sich spürte. Und je näher er kam, umso größer empfand er die Macht, die von ihr ausging.
Als er schließlich doch noch bei den Dreien angekommen war, griff er fast Halt suchend nach Cassies Hand. Diese wunderte sich doch arg über sein Verhalten. Immerhin kannte sie Morcan nur mit einer gehörigen Portion Selbstbewußtsein. Sie drückte jedoch einmal fest die Hand, die sich in ihre gelegt hatte und begann dann mit der Vorstellung. „Morcan, dies ist Sha-Ani, Weise Frau und Hüterin unserer Geheimnisse. Neben ihr steht Mailina, eine Waise so wie ich, welche von Sha-Ani angenommen und ausgebildet wurde. Beide hatten mir vor langer Zeit geholfen, Schmerz und Leid erträglich zu machen. Sie haben mir den Weg aus der Dunktelheit gezeigt und mir das Lachen neu beigebracht. Sie sind der liebgewonnene Ausgleich für meine verlorene Familie.“ Morcan verneigte sich tief vor den beiden, jedoch noch immer unfähig, etwas zu sagen. Cassie stupste ihn in die Seite und wisperte, erbost über seine Unhöflichkeit: „Jetzt sag doch was!“ Doch Morcan schaute sie nur stumm und hilflos an. Er wußte ja selbst nicht, was in da so in den Bann schlug und ihm damit die Sprache verschlug. Cassie warf ihm noch einen grummeligen Blick zu, bevor sie sich entschuldigend zu Sha-Ani wandte. Dabei streifte ihr Blick Mailina und sie bemerkte, dass dieses sich kaum noch das Lachen verkneifen konnte. Etwas fassungslos vergaß sie ihre Entschuldigung für Morcans Benehmen und bemerkte statt dessen: „Öhm... also... Sha-Ani, Mailina. Dies ist Morcan. Ein Magier, geübt in den Elementen Luft, Erde und Feuer. Er ist mein Wegbegleiter seit langer Zeit. Er war und ist meine Stütze, mein Helfer in Zeiten der Angst.“ – „Und Du liebst ihn!“ warf Sha-Ani trocken ein. Cassie bleiben die nächsten Worte schier im Halse stecken, ob dieser irritierenden Unterbrechung. Mailina konnte ihr lautloses Lachen nun nicht mehr zurück halten, was Cassie völlig aus der Bahn warf. So klappte ihr Mund auf und blieb in dieser Stellung stehen. „Um des Mutterdrachens Willen, Cassie! Schau mich nicht so entgeistert an! Es ehrt mich, dass Du die Gepflogenheiten unserer Rasse mittlerweile so ernst nimmst und uns mit aller gebührenden Höflichkeit vorstellen willst. Aber ich bin müde und mir ist nunmal nicht nach steifen Höflichkeitsfloskeln. Und wenn Du Deinen Mund nicht bald wieder zumachst, werden gewisse Insekten sich über eine warme Bruthöhle freuen!“ Automatisch klappte Cassie ihren Mund wieder zu. Aber sie verstand die Welt nicht mehr! Das konnte doch nicht die Sha-Ani sein, die kannte? Sie betrachtete ihr Gesicht genauer. Tiefe Falten hatten sich in ihr Gesicht gegraben und sie sah wirklich unglaublich müde aus. Aber ansonsten ähnelte sie – zumindest äußerlich – der Sha-Ani von damals in allen Details. Nur eins fiel Cassie noch auf, aber sie konnte nicht greifen, was sie wahrnahm. Endlich fand sie ihre Sprache wieder. „Entschuldigt, dass mir Eure Müdigkeit nicht sofort aufgefallen ist. Werdet Ihr...!“ Sha-Ani fiel ihr schon wieder ins Wort. „Entschuldigung angenommen. Könnten wir jetzt bitte irgendwohin gehen, wo ich mich setzen und was trinken kann?“ Cassie schüttelte innerlich den Kopf. „Was war nur mit Sha-Ani los?“ fragte sie sich. Sie sammelte sich und meinte dann zu Morcan: „Würdest Du bitte zurück zu den anderen gehen und mich bei ihnen entschuldigen? Ich denke, es ist angebracht, wenn ich erstmal mit den Beiden alleine bin!“ Morcan nickte und wandte sich zum Gehen. Doch Sha-Ani hielt ihn zurück. „Warte Morcan! Wir gehen alle mit Dir. Was ich zu erzählen habe, wird auch Eure Freunde interessieren!“
Beide, Morcan und Cassie, schauten sich verblüfft an. Gab es etwas, was Sha-Ani nicht wußte???
Kapitel 25 – Neuigkeiten
So waren alle vier in die Taverne zurückgekehrt. Xarvos war ehrerbietig aufgesprungen, als er Sha-Ani sah. Er flitzte ihr entgegen und verbeugte sich tief. Sha-Ani reichte ihm die Hand, als er sich wieder aufgerichtet hatte und ließ sich von ihm an den Tisch führen. Als alle einander vorgestellt worden waren, herrschte gespannte Stille an ihrem Tisch, während sonst überall im Raum geschäftiges Geplapper herrschte und diesen wie einen Bienenkorb summen ließ. Die Anspannung wurde durch die Kellnerin gemildert, die sich nach ihren Wünschen erkundigte, und kurze Zeit später die bestellten Getränke brachte. Sha-Ani leerte ihr Glas in einem Zug und bestellte sogleich noch einmal das Gleiche. Als sie das zweite Getränk vor sich stehen hatte, fing sie an zu erzählen: „Ihr alle wisst um das Schicksal von Cassie?“ – Zustimmenden Nicken am Tisch. – „Dann kann ich mir diesen Teil also sparen. Gut. Angefangen hat es in der Zeit, als Cassie bei meinem Sohn Belganor in den Namari-Feldern zur Ausbildung war. Von überall bekam ich damals Gerüchte zugetragen, dass ihre Schwester Divine in Yaars sei.“ – Cassies Kopf ruckte hoch. – „Ich konnte mir das aber kaum vorstellen, da Yaars, die Stadt im Himmel, wie sie auch genannt wird, erstens nur schwer erreichbar und zweitens für ein dauerhaftes Versteck überhaupt nicht geeignet schien. Doch aus den Gerüchten wurden langsam handfeste Nachrichten, so dass ich mich nicht mehr dagegen verschließen konnte. Ich beauftragte eine Lichtelfe, während meiner Abwesenheit die Fäden unserer Rasse in den Händen zu halten und machte mich mit Mailina auf den Weg.“ Sha-Ani trank einen Schluck, bevor sie weitererzählte. Die Spannung am Tisch stieg mit jedem ihrer Worte, war fast greifbar und alle Anwesenden hingen wie gebannt an ihren Lippen. „Der Weg nach Yaars war für uns beide nicht schwer, da wir ‘Ruhe‘ herbeiriefen. Ich freue mich übrigens, Cassie, dass Du Xarvos als Lehrmeister getroffen hast. Ich könnte es Dir nicht besser beibringen.“ Xarvos neigte zum Dank für das Lob den Kopf. „Wo war ich stehengeblieben? Ach ja! Der Weg durch Solost. Wir kamen zügig voran, geschützt durch unsere Aura. Lediglich im letzten Drittel ruhten wir kurz aus und sammelten noch einmal unsere Kraft. Wir beschworen unsere Aura neu und kamen ohne Zwischenfall am Wächter vorbei. Bis hierher war alles glattgegangen. Doch in Yaars fingen unsere Schwierigkeiten an. Die Stadt im Himmel war so riesig groß und wir beide konnten uns immer nur mit der Ruhe-Aura bewegen." – „Warum?“ warf Cassie ein. Sha-Ani sah zu ihr rüber. „Du weißt noch nichts von Yaars?“ Und Cassie schüttelte den Kopf. „Nun, Yaars wird ausschließlich von geflügelten Wesen bewohnt. Es gibt viele verschiedene Arten von Drachen, aber auch Geisterwesen. Sie alle sind mächtig, verfügen über viele verschiedene Arten des Angriffs und greifen vor allem alles an, was nicht zu ihrer Art gehört. Das war aber auch mal anders! Vor sehr langer Zeit waren wir Lichtelfen in Yaars immer willkommen. Aufgrund der Tatsache, dass auch wir uns fliegend fortbewegen, wurden wir von allen Yaars-Wesen akzeptiert. Selbst hilflose Lichtelfen-Kleinkinder konnten zwischen den Drachen spielen, ohne verletzt zu werden.“
Alle am Tisch schauten sich an. DAS hatte keiner von Ihnen nicht gewusst!
Sha-Anis Gesicht verdunkelte sich, als sei weitersprach. „Eines Tages jedoch brachte ein junger, ungestümer und vor allem machtbessesener Lichtelf eine große Gruppe fremder Rassen nach Yaars. Sein Name ist aus unseren Gedächtnissen ausgelöscht, also fragt bitte nicht danach. Es war wohl so, dass er Herrscher über die Stadt im Himmel sein wollte und zu diesem Zweck die anderen herbrachte. Sie verletzten damals den Wächter des Zeitenliftes so schwer, dass es Jahrzehnte dauerte, bis dieser sich erholt hatte und seine Bestimmung wieder aufnehmen konnte. Jedenfalls metzelte diese riesige Gruppe alles nieder, was ihnen begegnete. Als die Drachen sich schließlich zu einem letzten Schlag formierten, starben viele der Angreifer, da sie diesen nichts entgegen zu setzen hatten. Schließlich waren nur noch fünf der ursprünglichen 140 übrig. Und diese kamen beim Angriff eines Feuerdrachens ums Leben. Seit damals sind alle, die nach Yaars gehen, Feinde der Drachen. Auch wir Lichtelfen. Denn stellvertretend für den Frevel des Einen, mußte unsere ganze Rasse sühnen. Wir wurden aus Yaars verjagt und werden immer noch gejagt, wenn wir die Stadt im Himmel betreten.“ Hier machte Sha-Ani wieder eine Pause. Cassie betrachtete sie sorgenvoll. Sie sah so unglaublich müde aus. Doch auf ihre Frage, ob Sha-Ani nicht lieber erstmal ruhen möchte, winkte diese ungeduldig ab und erzählte dann weiter. „So, jetzt wißt ihr, warum auch wir Lichtelfen uns in Yaars nur mit äußerster Vorsicht bewegen können. Wir brauchten also sehr lange, und vor allem, war es sehr kräftezehrend, sich dort immer nur mit Aura bewegen zu können. Wir haben Deine Schwester jedoch nirgendwo finden können. Das letzte, was ich von ihr hörte, war, dass sich die Banditen in der Nähe des Mutterdrachens versteckt hielten. So machten Mailina und ich uns ein letztes Mal auf. Der Weg dorthin ist ungeheuer schwer. Wir brauchten drei Tage und viele Verstecke, wenn uns unsere mentalen Kräfte mal wieder verließen und wir eine Pause brauchten, um ‘Ruhe‘ neu herbeirufen zu können. Schließlich waren wir am Heimatort des Mutterdrachens angekommen. Aber auch dort fanden wir sie nicht. Es muss einen geheimen Zugang geben zu einem der Nebenräume dort. Wir blieben fast zehn Tage. Und so leid es mir tut, Cassie... wir konnten Deine Schwester nicht finden.“
Traurig blickte sie zu der Lichtelfe hinüber. Cassie machte einen sehr gefassten Eindruck. Lediglich ihre Augen schimmerten heller, als sonst, was wohl an den Tränen lag, die dort im Verborgenen lauerten. „Ich habe mit noch schlimmeren Nachrichten gerechnet, als Ihr so plötzlich hier aufgetaucht seid.“ sagte Cassie beherrscht. „So habe ich doch wenigstens noch die Hoffnung, dass Divine noch lebt.“ Mailina griff über den Tisch nach ihrer Hand und drückte sie liebevoll und Cassie fühlte sich noch mehr getröstet.
„Wenn ihr uns nun entschuldigen wollt, Mailina und ich werden uns für einige Zeit zurückziehen und uns ausruhen.“ Meinte Sha-Ani nach einer Weile des Schweigens. Cassie sah zu ihr hin und meinte dann zögernd: „Wollt Ihr uns nicht noch verraten, woher ihr wusstet, dass ich hier bin?“ Sha-Ani lächelte, als sie antwortete: „Doch, Sucherin, das werde ich Dir schon noch erzählen. Aber ich hoffe, Deine Geduld reicht bis morgen früh. Ich möchte Dich bitten, dass Du morgen zum Frühstück bei mir bist in Tassiah. Dort werde ich Dir auf alle Deine Fragen, die Dir im Herzen brennen, auch Antworten geben. Aber bis dahin gönn einer alte Frau wie mir ein wenig Ruhe. In der Zwischenzeit könntest Du ja noch ein wenig mit Xarvos üben. Du wirst diese Aura bald brauchen!“ beendete Sha-Ani ihren Satz. Dann verbeugten sie und Mailina sich vor allen Anwesenden und gingen hinaus.
Cassie war jetzt überhaupt nicht nach Üben. Das war so langweilig, obwohl es anstrengend war. Die vielen vergeblichen Versuche trieben sie auch so langsam zur Verzweiflung und sie dachte oft, dass sie es niemals schaffen würde. Doch Xarvos stand auf und zog die widerstrebende Cassie mit sich. Schließlich ergab sie sich in ihr Schicksal. Aber das würde ein langer langer Tag werden und sie seufzte leise auf.
Kapitel 26 – Frühstück bei Sha-Ani
Als der Morgen dämmerte und einige Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht tanzten, erhob sich Cassie ächzend von ihrem Lager. Sie war noch immer fix und alle. Xarvos hatte sie getriezt und angemeckert, gelobt und wieder angemeckert. Sie konnte sich diesen blöden Beschwörungsspruch einfach nicht merken. Ein einziges Mal hatte sie es geschafft. Und das auch nur, weil Xarvos es mit ihr zusammen gesagt hatte. Doch da war sie schon so erschöpft gewesen, dass die Aura nicht lange gehalten hatte. Wie zu erwarten war, hatte Xarvos sie daraufhin wieder ausgeschimpft. „Jetzt streng Dich doch mal an!“ hatte er gesagt und „Du bist nicht bei der Sache. Konzentrier Dich doch mal! Denk an Deine Schwester und dass Du ihr nur helfen kannst, wenn Du endlich ‘Ruhe‘ beherrschst.“ Doch der Gedanke an ihre Schwester hatte auch nicht geholfen. Im Gegenteil! Dieser Gedanke hatte sie völlig nervös werden lassen und von da an ging gar nichts mehr. Schließlich hatte sie Xarvos müde gebeten, es für heute gut sein zu lassen und war einfach gegangen. Einen schnaubenden Xarvos zurück lassend. Cassie war so fertig gewesen, dass sie nicht einmal mehr wütend auf ihn sein konnte. Sie hatte es gerade noch geschafft, sich ihrer Rüstung zu entledigen und war dann halb tot vor Müdigkeit ins Bett gefallen. Und jetzt weckten diesen blöden Sonnenstrahlen sie einfach und sie bemerkte, wie Ärger in ihr hochstieg. Dann fiel ihr ein, dass sie ja heute bei Sha-Ani zum Frühstück eingeladen war und sofort verflog sich ihr Ärger. Lächelnd machte sie sich fertig.
Nachdem sie per Zonenwarp in Tassiah angekommen war, schlenderte sie auf langsam auf ihr Ziel zu. Es war noch ein wenig zu früh. Doch sie war so aufgeregt, dass sie nicht länger auf ihrem Zimmer hatte bleiben können. Sie betrachtete einige Händlerauslagen, als ihr plötzlich jemand von hinten auf die Schulter tippte. Cassie drehte sich um und schaute in das strahlende Gesicht Mailinas. Diese war schwer bepackt mit den leckersten Sachen und Cassie sah, dass sie für das Frühstück eingekauft hatte. Sofort begann ihr Magen zu grollen. Schließlich war sie gestern abend zu müde gewesen, um noch etwas zu essen. Als Mailina das hungrige Grummeln vernahm, lächelte sie belustigt. Sie nahm Cassie an die Hand und gemeinsam flogen sie zum Hause Sha-Anis. Mailina bedeutete ihr, sie solle sich schon mal setzen. Kaum hatte sie in den weichen Kissen Platz genommen, kam Sha-Ani durch die Türe. Sie sah heute besser aus als gestern. Zwar waren die Falten noch genauso tief, doch die größte Müdigkeit war aus ihren Augen verschwunden. Cassie wollte aufspringen und Sha-Ani gebührend begrüßen. Doch diese winkte lachend ab. „Bleib nur sitzen, Cassie. Du bist hier doch fast zu Hause, auch wenn Du schon lange nicht mehr hier warst. Lass uns schonmal Tee trinken, während Mailina unser Frühstück bereitet.“ Schweigen breitete sich aus, während sie an dem heißen, jedoch wohlschmeckenden Tee schlürften. Unterbrochen wurde das Schweigen dann von Cassies Bauch, der eindeutige Töne von sich gab. Cassie war das mächtig peinlich. Sha-Ani mußte ja denken, dass sie halb verhungert sei. Zum Glück kam gerade Mailina herein und brachte all die leckeren Sachen, die ein richtig gutes Frühstück ausmachen. Genüßlich frühstückten sie und unterhielten sich dabei über belanglose Dinge.
Als alles aufgefuttert war, Cassie durch und durch satt, Mailina das Geschirr fortgebracht und sich dann wieder zu ihnen gesetzt hatte, sagte Sha-Ani: „Nun, Sucherin, nachdem der ärgste Hunger wohl gestillt ist... was hast Du für Fragen?“ Das ließ Cassie sich nicht zweimal sagen. „Woher wußtet Ihr von Morcan und den anderen? Woher, dass Xarvos mein Lehrer ist? Woher, dass ich gerade dort stand, wo Ihr mich gefunden habt?“ Atemlos kamen die Fragen aus ihr hervorgeschossen. Die zwei Lichtelfen vor ihr lächelten und Sha-Ani antwortete: „Ich wäre eine schlechte Weise Lichtelfe, wenn ich nicht wüßte, was mit meinen Schützlingen passiert.“ Na, das war ja eine tolle Antwort! Cassie hakte auch sofort nach. „Könntet Ihr das bitte näher erklären?“ Sha-Ani nickte lächelnd. „Es hätte mich auch gewundert, wenn Du Dich mit dieser Antwort zufrieden gegeben hättest. Schau, Sucherin! Es ist einfach so, dass ich – egal wo ich gerade bin – immer von anderen Lichtelfen Informationen zugetragen bekomme. So wußte ich um die unglücklich Liebe von Garion an Dich, von Morcan und Deinen neuen Freunden. Yaars ist zwar eine sehr gefähliche Gegend, und trotzdem kommen dort immer wieder Lichtelfen hin, die mich auf dem Laufenden halten. Ganz abgesehen davon, bist Du ja nun einmal so etwas wie eine Ziehtochter für mich. Und da möchte ich ganz besonders, dass ich über Deinen Lebensweg immer Bescheid weiß. Das muss Dir für den Moment als Antwort genügen, denn die geheimen Wege unserer Informationen kann und darf ich Dir nicht genauer erklären, so lange Du nicht zum inneren Zirkel gehörst.“ – „Innerer Zirkel?“ fragte Cassie sofort nach. Wieder nickte Sha-Ani. „Der innere Zirkel ist eine Gemeinschaft von Lichtelfen, die sich ganz dem Studium der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Rasse widmen. Sie kennen Mittel und Wege, die sich nur denen offenbaren, die sich dem gleichen Ziel verschreiben. Und glaube mir, Sucherin, Du wirst diesen Weg niemals beschreiten, denn Dein Schicksal ist ein anderes.“ Für einen ganz kurzen Augenblick glaubte Cassie einen traurigen Schatten über Sha-Anis Gesicht hinwegziehen zu sehen. Aber er war so schnell wieder weg, dass sie dachte, es sich nur eingebildet zu haben. „Nun gut, dann will ich mich damit zufrieden geben. Aber könnt ihr mir sagen, was ich in Bezug auf Garion unternehmen kann? Es tut mir so weh, zu sehen, was mit ihm durch meine Schuld geschehen ist.“ Tränen traten in ihre Augen in Erinnerung an seine letzten Worte. „Es ist nicht Deine Schuld, Sucherin!“ Cassie widersprach ihr heftig. „Doch, natürlich ist es das! Ich war gefühllos und dumm, hab ihn mit meinem Verhalten verletzt, hab ihn dorthin getrieben, wo er jetzt ist. Ich bin Schuld an dem, was er jetzt ist!“ Nun rannen die Tränen haltlos über ihr zartes Gesicht. Mailina wollte sich vorbeugen, um ihre Hand zu nehmen und Trost zu geben, doch Sha-Ani hielt sie zurück. Mit scharfer Stimme sagte sie: „Das ist völliger Unsinn. Wer hat Dir das bloss eingeredet? Du Dir selbst etwa?“ Cassie zuckte unter ihrer Strenge zusammen. „Jetzt erzähl mir bitte, was genau damals passiert ist. Ich weiss, dass es irgendwas mit Morcan zu tun hat. Aber nur Du oder er können mir Euer Gespräch eindeutig erklären. Da er sich weigert, wirst Du es jetzt tun.“
Stockend und noch immer von kleinen Schluchzern geschüttelt, erzählte Cassie, was sie damals getan hatte. Als sie damit fertig war, meinte Sha-Ani mit nun sanfterer, aber immer noch strenger Stimme: „Es war für Garion sicherlich nicht schön, dass Du so von Morcan geschwärmt hast. Aber er ist auch selber schuld. Oder hat er Dir etwa seine Gefühle gestanden? Und glaub mir, er hat schon vorher gewußt, dass er mehr in Dir sieht, als einen Kumpel, einen Freund, einen Weggefährten. Aber er wollte es Dir und auch sich selber nie eingestehen. Wer weiß, wenn er Dir seine Liebe schon früher gestanden hätte, wäre aus Euch gar ein schönes Paar geworden. Schließlich hast Du ihn auch sehr gemocht. Es war vielleicht keine Liebe, die Du empfunden hast. Aber wahrscheinlich wäre sie daraus gewachsen, hättest Du gewußt, was er wirklich für Dich empfindet. Und jetzt hör auf, Dir selbst Vorwürfe zu machen. Es ist nicht nur Deine Schuld! Du hast einen Teil dazu beigetragen, doch er genauso!“
Cassie schüttelte den Kopf. „Aber schaut doch nur, wie er jetzt ist! Verbissen, ja biestig, aufbrausend und manchmal auch gemein, wie ich hörte. Das ist nicht der Garion von damals. Und das ist allein meine Schuld!“
Sha-Ani schnaubte genervt. „Und warum, bitte, sollte das so sein? Hast Du ihm gesagt, er soll so werden? Nein, natürlich nicht! Es war seine Entscheidung. Statt sich der Tatsachen zu stellen, ist er vor ihnen weggelaufen. Statt einzugestehen, dass er Dich liebt, hat er nichts gesagt. Und statt sich kurz der Trauer hinzugeben, dass seine Liebe nicht erwidert wird, hat er die Trauer in sich hineingefressen. Er hat sie festgehalten, ist ihm Selbstmitleid zerflossen. Und so wurde aus der Trauer irgendwann Angst. Angst sich neu zu verlieben und Angst, wieder abgewiesen zu werden. Aus Angst errichtete er eine Mauer um sich herum. Die Mauer des Unnahbaren. Diese Mauer nun läßt ihn gemein werden. Aber mit dieser Mauer ist er alleine und das wiederum macht ihn zornig. Garion ist gefangen in einem Kreis aus Angst und Wut. Ich habe schon vor langer Zeit versucht, ihn aus diesem Kreis herauszureißen. Doch solange er selber das nicht will, kann man ihm nicht helfen.“ Cassie schaute Sha-Ani mit großen Augen an. Sicher, von dieser Seite aus hatte sie es noch nie gesehen. „Kann man wirklich gar nichts tun? Ich möchte ihm so gerne helfen!“ Sha-Ani schüttelte den Kopf. „Nein, Cassie, jetzt im Moment können wir alle nichts tun. Aber keine Sorge! Irgendwann wird er auf jemanden treffen. Und dieser jemand wird die Mauer einreißen können. Doch bis das geschieht, kannst Du nur versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen!“
Cassie schluckte und wischte sich die Tränen weg. Der Gedanke, dass eines Tages jemand kommen wird, der Garion wieder zu dem machen würde, was er einmal war, tröstete sie ungemein. Sie lächelte und neigte ihren Kopf zum Zeichen, dass sie verstanden hatte.
„War das nun alles, was Dir auf dem Herzen lag?“ Cassie überlegte kurz, doch ihr fiel nichts mehr ein, was sie dringend hätte wissen wollen. „Nun gut, dann habe ich eine Frage an Dich. Wie gut beherrschst Du ‘Ruhe‘? Cassie blickte verschämt zu Boden und sagte mit leiser Stimme: „Leider überhaupt nicht. Ich kann mir die schwierige Formel nicht merken und wenn doch einmal, dann hält die Aura niemals lange an. Xarvos ist nun schon recht böse auf mich. Er denkt immer, ich würde mir nicht genug Mühe geben. Und ehrlich gesagt, je mehr er mit mir schimpft, desto schwieriger wird es für mich.“ Sha-Ani griff hinüber zu Cassie und hob sanft ihren Kopf an, bis diese ihr in die Augen sah. „Xarvos ist eigentlich ein sehr guter Lehrmeister, nur leider ein wenig zu ungeduldig. Ich mache Dir einen Vorschlag. Zieh heute mit Mailina durch die Gegend. Mach einfach einen Tag lang gar nichts. Erhol Dich und sammel neue Kraft. Willst Du das tun?“ Cassie nickte erfreut. Wieder einmal einen Tag mit Mailina zu verbringen, erschien ihr sehr verlockend. Sie blickte hinüber zu ihr und Mailina nickte genauso heftig und lächelte strahlend. „Dann geh Dir dort hinten Dein Gesicht waschen und dann raus mit Euch zwei!“
Cassie sprang gehorsam auf. Nachdem sie sich gründlich das verweinte Gesicht mit eisig kaltem Wasser bspritzt hatte, nahm sie Mailina an die Hand und beide verließen das Haus.
Sha-Ani saß noch lange da und blickte auf die Türe, die hinter den Beiden zugefallen war. „Arme Sucherin!“ flüsterte sie in den leeren Raum. „Wieviel Leid wirst Du noch ertragen müssen.“
Kapitel 26a – Zwischenspiel (II)
Wie schon so oft, verlebten die zwei Lichtelfen einen sehr vergnüglichen Tag. Nachdem sie ausgiebig die Händlerreihen abgelaufen waren, machten sie einen Abstecher in Cassies altes Ausbildungslager. Ein großes Hallo gab es, als sie Celine wiedersahen, ihre erste Ausbilderin. Celine war zwar selbst schon zu alt, um noch die kleinen Lichtelfen auszubilden, doch sie war immer noch als Beraterin und Zuhörerin hier. Und so, wie sie es den Beiden vor ihr erzählte, tat sie das sehr gerne. „Wisst Ihr, jetzt habe ich den angenehmsten Teil dieser Arbeit mit allen Rechten, aber ohne dabei meine Nerven zu sehr zu beanspruchen, weil die Kleinen meinen, sie könnten rund um die Uhr Streiche spielen!“ Das Lächeln in ihrem Gesicht ließ die Falten noch tiefer erscheinen, machte sie aber trotzdem irgendwie jünger.
Nur schwer konnten sich die Beiden trennen, doch sie wollten sich eine einsame Stelle suchen und dort das im Korb ruhende Essen mit Genuss verzehren. Schon bald hatten sie einen schönen Platz gefunden. Nach dem Essen war Cassie rundum zufrieden und sehr schläfrig und Mailina ging es nicht anders. So rollten sie sich zusammen und hielten ein angenehmes Nickerchen.
Ausgeruht erwachte Cassie. Sie schaute sich nach Mailina um, konnte sie jedoch nicht gleich entdecken. Nach einem weiteren Rundblick sah sie sie dann doch. Mailina stand etwas weiter entfernt am Rande des Wassers und schaute über die ruhige See. Cassie gesellte sich dazu und fragte, ob etwas nicht in Ordnung sei. Doch Mailina schüttelte den Kopf und bedeutete Cassie, ebenfalls hinaus aufs Wasser zu schauen. Cassie folgte dieser Bitte und schaute. Nur sehen konnte sie nichts. Sie strengte sich immer mehr an, konnte aber nichts entdecken, was Mailina so zu fesseln schien. Schließlich gab sie auf und blickte wieder ihre Freundin an. Mailina holte tief Luft. In solchen Momenten wie diesen, wünschte sie sich, sprechen zu können. So war sie auf Gebärden angewiesen und damit war es nunmal wesentlich schwieriger, etwas zu erklären. Sie bedeutete Cassie, dass sie sich setzen solle. Als diese sich im Sand niedergelassen hatte, stellte Mailina sich hinter sie und nahm ihren Kopf zwischen ihre Hände. Sie rief ein wenig der ihr zur Verfügung stehenden Magie hervor und ließ diese durch ihre Hände in den Kopf von Cassie fließen. Cassie wiederum spürte, wie eine große Ruhe über sie kam. Sie sah hinaus auf das Wasser, sah, wie sich die Sonne in den winzigen Wellen brach und die Strahlen vielfach reflektierten. Das Muster, das dabei entstand, war immer anders und doch wieder gleich. Sie versuchte, hinter dieses Paradoxon zu kommen, doch je mehr sie sich darauf konzentrierte, um so schwieriger wurde es. So ließ sie den Blick wieder schweifen und nahm nicht mehr nur einen bestimmten Punkt war, sondern alles vor ihr. Ein neuer, noch größerer Schub der Ruhe überkam sie und sie ließ sich in dieses Gefühl regelrecht hineinfallen. Sie spürte nicht mehr, wie Mailina ihre Hände wegnahm. Auch nicht, dass sie sich neben sie setzte. Sie spürte nur dieses Gefühl der Unendlichkeit. So langsam, dass es Cassie erst viel später auffiel, stiegen Worte in ihr hoch und setzten sich in ihrem Unterbewusstsein zu Sätzen zusammen. Die Worte kamen ihr bekannt vor, doch noch konnte sie sie nicht in Zusammenhang bringen. Erst als die Worte sich regelrecht aus ihr herausdrängten und sie diese sprechen mußte, wurde ihr bewußt, was sie da so mühelos von sich gab. Es waren die Worte zur Beschwörung der Ruhe-Aura. Kaum hatte sie das begriffen und die letzte Silbe der Beschwörung gesprochen, erwachte sie auch aus dem Gefühl der Unendlichkeit. Sie blickte an sich herunter. Ihre Ruhe-Aura strahlte in leuchtendem Blau und sah auch nicht so aus, als würde sie jemals wieder weggehen. Verdutzt blickte sie Mailina an, die sie glücklich und zufrieden anlächelte. In dem Moment, wo sie „Ja… aber… wie…“ stotterte, verschwand die Aura. Das wiederum machte sie so perplex, dass sie ein ziehmlich dummes Gesicht gemacht haben muss, denn Mailina warf sich lachend in den Sand und zeigte ein wenig schadenfroh auf sie.
Es dauerte ein ganz Weilchen, bis Mailina sich wieder eingekriegt hatte und noch viel länger, bis Cassie verstanden hatte, was da geschehen war. Wieder bereute Mailina, es ihr nicht mit Worten erklären zu können. Doch schließlich hatte Cassie verstanden, dass Mailina ihr nur geholfen hatte, ihre innere Ruhe zu finden, ihren Mittelpunkt. Und dass sie jetzt, wo sie es wusste, diesen Punkt immer wieder selber finden würde. Nur durch ihre Verblüffung hatte sie ihre innere Ruhe aufgestört und damit das Ergebnis, die Ruhe-Aura, wieder zerstört.
Cassie versuchte es gleich wieder. Sie starrte auf das Wasser, ließ ihre Gefühle und Gedanken praktisch mit dem leichten Wogen der Wellen forttragen und fand die Ruhe wieder. Die Worte, die sie sich nie hatte merken können, stiegen wie von selbst in ihr hoch. Machtvoll sprach sie sie aus und stellte glücklich fest, dass die Aura sie wieder strahlend hell umgab. Diesmal ließ sie sich davon nicht irritieren und die Aura blieb standhaft. Sogar als sie Mailian umarmte und mit ihr über den Sand tollte, behielt sie die Aura fest um sich herum.
Ein Zuschauer, der zufällig vorbeigekommen wäre und ihnen zugesehen hätte, würde wahrscheinlich den Kopf geschüttelt haben über die zwei Lichtelfen, die mit blauer Aura den Sand um sich herum aufstieben ließen und sich damit sogar ausgelassen bewarfen.
Schließlich warfen sich beide völlig außer Atem in den Sand. Erst jetzt spürten sie, dass die feinen Sandkörner überall an ihn klebten. Cassie mußte sogar mehrmals ausspucken, weil sie den Sand im Mund hatte. Da es sie überall juckte, packten sie rasch ihre Sachen zusammen und flogen nach Hause, um dort zu duschen.
Der Abend ging sehr angenehm zu Ende. Cassie ließ es sich nicht nehmen, auch Sha-Ani ihre Aura vorzuführen und diese war stolz, nicht nur auf Cassie, sondern auch auf Mailina, die dieses erst ermöglicht hatte. Sicher hätte Cassie es irgendwann auch so gelernt, aber so war es besser. Vor allem, wenn Sha-Ani an morgen dachte. Ein Schatten huschte über ihr altes Gesicht und sie wandte schnell den Kopf ab. Die alte Lichtelfe verbannte ihre Gedanken an morgen mit Gewalt. Sie wollte Cassie den Abend nicht verderben.
Und so saßen alle noch bis weit in die Nacht in den weichen Kissen, lachten und erzählten und genossen nur den Augenblick des Jetzt.
Kapitel 27 – Nachrichten
Am nächsten Morgen wachte Cassie ausgeruht auf. Sie wusch sich, zog sich an und lief in die kleine Küche, wo sie Mailina zur Begrüßung umarmte und sich dann an den Tisch setzte. Mailina brachte zwei Becher mit Tee und genüßlich schlürften sie das heiße Getränk. Sha-Ani kam kurze Zeit später auch dazu. Cassie erschrak, als sie ihr Gesicht sah. Sie sah so traurig aus, so abgehärmt. Was war passiert seid gestern abend? Cassie traute sich kaum zu fragen, doch schließlich nahm sie ihren Mut zusammen. Kaum saß Sha-Ani mit am Tisch und hatte ebenfalls einen dampfenden Becher vor sich stehen, da fragte sie mit leiser Stimme: „Ist etwas passiert?“
Sha-Ani betrachtete die Lichtelfe durch den aufsteigenden Dampf ihres Tees traurig. Sie hatte absichtlich all ihre Trauer offen gezeigt. Das war sicherlich besser, als wenn sie sich weiterhin verstellt hätte. Auch wenn ihr die Entscheidung dazu schwergefallen war und sie das, was sie zu sagen hatte, lieber niemals aussprechen wollte. Sha-Ani schloss die Augen, sammelte sich kurz und sagte dann: „Garion war gestern hier. Er brachte schlechte Nachrichten.“ Cassie blickte der alten Lichtelfe ängstlich in die Augen. „Divine?“ hauchte sie. Sha-Ani nickte. „Du weißt, dass Garion viel in Yaars unterwegs ist. Er tat dies auf meine Anweisung hin. Ich hoffte, dass er – wenn er erstmal mit vielen verschiedenen Gruppen dort oben unterwegs sein würde – Nachrichten aufschnappen würde, die uns zu Deiner Schwester führen würden. Er hörte auch viele Gerüchte, manche erwiesen sich als richtig, die meisten jedoch waren falsch. Gestern nun kam er mit einer neuen Nachricht zu mir. Er hatte herausgefunden, wo Divine festgehalten worden war, nicht jedoch von wem. Er war zu diesem Ort hingeflogen und hat dies hier von dort mitgebracht. Kennst Du es?“ Sha-Ani zog ein Tuch aus ihrem Umhang. Es war das Tuch, dass Divine immer bei sich hatte. Ihre Mutter hatte es ihr zum 10. Geburtstag geschenkt. Es war schon sehr verschlissen und die Farben fast verblasst, doch Cassie erkannte es sofort. „Es gehörte Divine!“ sagte sie leise.
Sha-Ani nickte. „Auch ich habe es erkannt. Divine hatte es damals mitgebracht, als sie zum ersten Mal bei mir war. Sie hatte es immer und überall dabei und mehr als einmal hatte es sie in ihrer Ausbildung behindert, weil sie es nicht im Zelt lassen wollte.“ Bei der Erinnerung mußte Sha-Ani ein wenig lächeln. Die kleine, trotzige Divine, der das Tuch aus dem Gürtel gerutscht war und sie darüber stolperte, mitten hinein in eine Horde Skorpione. Celine war schon damals Ausbilderin gewesen und hatte ihr berichtet, dass ihr fast das Herz stehen geblieben war. Anschließend hatte Celine Divine tüchtig ausgeschimpft und ihr verboten, das Tuch jemals wieder mitzunehmen. Doch Divine hatte sich über das Verbot hinweggesetzt. Sie hatte es seit damals immer um den Hals getragen und den Knoten manches Mal so fest gebunden, dass sie ihn kaum wieder aufbekam. Doch sie hatte lieber die halbe Nacht – oder manchmal auch die ganze Nacht – daran herumgefummelt, um den Knoten wieder zu lösen. Den Vorschlag Celine’s, das Tuch einfach zu zerschneiden hatte sie entsetzt von sich gewiesen. Sha-Ani kehrte aus ihren Erinnerungen zurück. Sie merkte, dass Cassies wohl etwas gefragt hatte, doch sie wußte nicht was. Sie räusperte sich und meinte: „Entschuldige, was sagtest Du?“ Und Cassie wiederholte: „Hat Garion sonst noch etwas gefunden?“
Sha-Ani hatte mit der Frage gerechnet. Sie war sich nur noch nicht im Klaren darüber, inwieweit sie Cassie die Antwort darauf geben wollte. Sie kannte die ganze Wahrheit um Divines Schicksal. Ihr Verstand sagte ihr, dass Cassie ein Recht darauf hätte, alles zu erfahren, doch ihr Herz schrie ihr ein entschiedenes „Nein!“ entgegen. Sha-Ani hörte auf ihr Herz. Ihrem Verstand fiel kein Grund ein, der Lichtelfe die grausame Wahrheit komplett zu erörtern. Jedenfalls waren es keine Gründe, die ihr Herz nicht emotional niederschmettern konnte. So antwortete sie: „Garion fand einen, der zu der Banditengruppe gehörte. Er lag, schwer verletzt und im sterben begriffen, nahe des Tuches. Garion fragte ihn aus, so lange dieser noch antworten konnte. Letztendlich ist es so, dass Deine Schwester gestorben ist. Sie wollte wohl einen weiteren Fluchtversuch unternehmen, von denen es eine ganze Reihe gegeben haben muss. Doch nicht die Banditen haben ihren Tod verursacht, sondern der Mutterdrache selbst hat Divine zu sich genommen.“
Sha-Ani behielt Cassie genau im Auge. Die Lichtelfe nahm die Nachricht gefaßter auf, als sie gedacht hatte. Das lag sicher auch daran, dass ihre Schwester in den vielen Jahren mehr zu einer Erinnerung als einem lebenden Wesen geworden war. Noch einmal überlegte sie, ob sie Cassie die ganze Wahrheit erzählen sollte. Doch wieder entschied sie sich dagegen. Warum das Mädchen quälen und erzählen, was Divine alles hatte erleiden müssen? Sie verbannte diesen Teil der Nachrichten in den letzten Winkel ihres Gedächtnisses. Niemand außer Garion und ihr sollte jemals davon erfahren.
Cassie hielt ihren Kopf gesenkt und sah nichts von den widerstreitenden Gefühlen auf dem Gesicht von Sha-Ani. Sie lauschte in sich hinein, wartete auf die Trauer, die sie überfallen würde – so wie damals, als sie die Nachricht vom Tod ihrer Eltern erhalten hatte. Doch da war nichts, jedenfalls nicht viel. Nur eine schwache Trauer, und die begleitete sie schon viele Jahre und würde sicher auch niemals ganz verschwinden. Sie fühlte vielmehr so etwas wie Bedauern, dass Divine nicht hatte entkommen können und dass sie nie wieder mit ihr sprechen würde, sich mit ihr zanken und wieder vertragen, sich verabschieden und wieder begrüßen würde. Bei diesen Gedanken liefen doch zwei einsame Tränen über ihr Gesicht. Mailina legte sanft den Arm um ihre Schultern und dankbar lehnte Cassie sich an sie und nahm ihre Wärme tröstend in sich auf.
Eine zeitlang saßen sie schweigend dort, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Schließlich fragte Cassie in die Stille hinein: „Ist es schlimm, dass ich keine große Trauer über den Tod meiner Schwester verspüre?“ Denn dieser Gedanke nagte an ihr und sie kam sich deshalb irgendwie schlecht vor. Mailina drückte sie noch fester an sich und Cassie spürte, dass ihre Freundin den Kopf schüttelte. Und Sha-Ani meinte: „Nein, Cassie, dass ist nicht schlimm. Eher würde es mich wundern, wenn Du nach so vielen Jahren, in denen Deine Schwester fast nur noch eine Erinnerung gewesen ist, heftige Trauer verspüren würdest. Du brauchst Dich dessen nicht zu schämen und Dir schon gar keine Vorwürfe zu machen. Ich glaube, schon damals, als Du von der Verschleppung Deiner Schwester erfahren hattest, hattest Du Dich auch mit ihrem Tod abgefunden. Denn schon damals waren die Chancen sehr gering, sie jemals wieder zu finden. Also mach Dir keine Gedanken. Behalte Deine Schwester in Erinnerung, genauso wie auch Deine Eltern. Lebendige Erinnerungen, schöne und vielleicht auch nicht so schöne Erinnerungen. Aber quäle Dich nicht mit Gedanken und Vorwürfen. Damit ist niemanden geholfen. Dir schon gar nicht!“
Solchermaßen von Sha-Ani getröstet, versuchte Cassie ihre Selbstvorwürfe zu unterlassen und es gelang ihr recht gut. Sie sollte aber bis ans Ende ihrer Tage immer wieder einmal daran denken, sich aber gleichzeitig an die Worte von Sha-Ani erinnern und immer neuen Trost daraus ziehen.
Kapitel 28 – Mutterdrache
Mailina hatte sich für einige Zeit aus der Küche entfernt. Sie deutete, dass sie unbedingt noch etwas für die Abendmahlzeit besorgen müsse. So saßen Cassie und Sha-Ani jetzt alleine in der Küche. Cassie spürte, wie schon wieder dumme Gedanken in ihr hochstiegen. Um sich abzulenken, fragte sie Sha-Ani nach dem Mutterdrachen. Sha-Ani seufzte und antwortete dann: „Kannst Du Dich bis heute Abend gedulden mit der Antwort? Ich habe Deine Freunde eingeladen, denn ich denke, dass der eine oder andere dieses Wissen gerne teilen möchte. In der Zwischenzeit könntest Du ein wenig nach draußen gehen und Deine Ruhe-Aura üben.“
Cassie wollte protestieren. Schließlich bekam sie die Aura gut hin und sie wollte vor allem nicht mit ihren Gedanken alleine sein. Doch da sie spürte, dass Sha-Ani Ruhe brauchte, ging sie folgsam hinaus. Sie sah sich nach Mailina um und war mehr als glücklich, diese schon bald entdeckt zu haben. So schlenderten die beiden durch die Händler und kamen dick bepackt zwei Stunden später wieder zu Hause an. Sogleich stürzten sie sich in die Vorbereitungen für das Abendessen. Naschten ab und zu schon vorher an den Leckereien und räumten dann auch noch die Wohnstube um, damit abends alle gemütlich Platz nehmen konnten. Sha-Ani ließ sich den ganzen Tag nicht blicken und Mailina machte Cassie klar, dass diese sich zurückgezogen hatte, um die Nachrichten zu verarbeiten und noch ein wenig zu ruhen, bis abends die Gäste kamen.
Völlig verschwitzt, aber sehr zufrieden mit ihrer Tagesarbeiten duschten die Beiden. Mailina ließ es sich nicht nehmen, Cassies langes blondes Haar zu kämmen und zu einem hübschen Zopf zusammenzunehmen. Kaum war sie damit fertig, rief Sha-Ani: „Seid ihr zwei bald fertig? Unsere Gäste stehen schon fast vor der Türe.“ Dann hörten sie sie lachen. Flink zogen sie sich fertig an und huschten vor in den Wohnraum. Sha-Ani hatte sich umgezogen und trug nun Kleidung, die an geflügelte Wesen denken lies. Sie sah so… fedrig aus! Cassie verkniff sich ein Schmunzeln. Sicher gehörte es sich nicht, solches von der Weisen Lichtelfe zu denken.
Schon bald klopfte es und Mailina öffnete Cassies Freunden, die alle gemeinsam gekommen waren, die Türe. Cassie stöhnte innerlich, als sie sah, mit welcher Geschwindigkeit all die leckeren Sachen verputzt wurden, die sie fast einen ganzen Tag Arbeit gekostet hatten. Andererseits freute es sie aber, dass es allen so gut schmeckte. Mailina schien ähnlich zu denken, jedenfalls glaubte Cassie dies aus ihrem Gesichtsausdruck zu lesen.
Nach dem ausgiebigen und in heiterer Stimmung genossenen Mahl kam Sha-Ani schon bald auf das Wesentliche zu sprechen. Sie erzählte den anderen vom Tod Divines und auch davon, dass der Mutterdrache für ihren Tod verantwortlich war. Morcan schaute die neben ihm sitzende Cassie an, die sich nun ebenfalls zu ihm herumdrehte. Sie lächelte ihm zu, wollte ihm zeigen, dass diese Nachricht sie nicht so berührte, wie er es vielleicht gedacht hatte. Ihre Hand schob sich in seine und drückte sie leicht. Dann wandte sie ihr Augen wieder Sha-Ani zu, die weitersprach. „Kennt jemand von Euch den Mutterdrachen?“ Sandy hob die Hand und sagte: „Ich habe ihn schon gesehen. Allerdings nur aus weiter Ferne und das ist auch schon eine ganze Weile her.“ Auch Xarvos sagte, dass er den Mutterdrachen schon gesehen hätte. Allerdings von Nahem, da er ’Ruhe’ angehabt hatte.
„Was wisst Ihr sonst über ihn?“ fragte Sha-Ani nach einer kurzen Pause. Alle Anwesenden sahen sich an, Ben und Morcan zuckten mit den Schultern und die anderen drei konnten darauf auch nicht antworten. So fing Sha-Ani an zu erzählen.
„Der Mutterdrache ist, wie der Name schon sagt, weiblich und sie gilt als Führer aller anderen Drachen in Yaars. Sie ist uralt. Manche sagen, sie war schon auf dieser Welt, als es sonst noch kein anderes Leben hier gab. Sie kann nicht bezwungen werden, denn ihr Geist und ihre Seele sind vom Körper nicht abhängig. Zwar kann ihr durchscheinender Körper durch die Kraft einiger Lichtelfen zu einer festen Hülle gezwungen werden, doch selbst wenn dieser Körper dann getötet werden sollte, kann sie sich einen neuen erschaffen, da ja Geist und Seele nicht mit der Hülle sterben. So ist der Mutterdrache unsterblich. Sie wohnt im abgelegensten Teil von Yaars und ist dort nur sehr schwer zu erreichen, da viele andere Drachen ihren Teil bewachen. Nur eine sehr große Gruppe, aus allen Rassen bestehend, kann einen Vorstoss zu ihr wagen. Und viele sind bei dem Versuch, sie zu bekämpfen, selbst gestorben. Ihr Angriffe bestehen unter anderem aus Magie und selbst starke Schwertkämpfer kann sie mit einem einzigen Angriff ins Jenseits befördern.
Ganz ganz selten, verläßt der Mutterdrache sein Nest und fliegt in andere Gebiete. Ich habe Gerüchte gehört, dass sie sogar schon bis hierher nach Tassiah gekommen sein soll. Aber das kann ich weder bestätigen, noch gänzlich verneinen. Jedenfalls scheint sie bei einem ihrer Ausflüge auf Divine gestossen zu sein, oder Divine auf den Mutterdrachen, wie man es nimmt. Der Bandit, den Garion fand, sagte vor seinem Tod, dass Cassies Schwester einen Fluchtversuch unternommen habe. Bei ihrer Flucht, die Verfolger dicht im Nacken, traf sie dann wohl mit dem Mutterdrachen zusammen. Der Bandit starb, bevor er sagen konnte, ob der Mutterdrache alle aus seiner Truppe tötete. Wir vermuten aber, dass dem so ist. So ist Divine ihrer Gefangenschaft entflohen und die Banditen ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden.“
Alle hatten ihren Worten aufmerksam gelauscht. Und in diesem Moment waren sich alle unausgesprochen einig, dass sie den Mutterdrachen niemals würden angreifen wollen. Er hatte Divine befreit und gleichzeitig ihre lange Gefangenschaft gerächt.
Sie hingen ihren Gedanken nach und es war sehr still geworden. Aufgeschreckt wurden sie dadurch, dass Sha-Ani in die Hände klatschte und rief: „Hey! Ich hab Euch nicht hierher eingeladen, damit es still in meinem Hause ist. Ich wollte Gesellschaft haben, aber eine lustige und nicht solche Trauerklöpse wie ihr es seid!“ Cassie riss die Augen auf. Das war wieder eine Sha-Ani, die sie einfach nicht in Einklang bringen konnte mit der Weisen Lichtelfe, die sie bis vor wenigen Minuten noch gewesen war. Zu einer Erwiderung kam sie jedoch nicht, denn Sha-Ani dreht sich zu Morcan um und fragte: „Wann gedenkst Du eigentlich, Cassie zu Heiraten?“ Morcan lief rot an und Cassie schnappte überrascht nach Luft. Die beiden sahen so komisch aus, dass alle im Raum im schallendes Gelächter ausbrachen. Morcan, der schon zu einer garstigen Antwort angesetzt hatte - Ich wüßte nicht, was es Euch anginge! – klappte der Mund wieder zu. Er hasste es, wenn man über ihn lachte. Cassie war mittlerweile selbst rosig angelaufen und schaute Morcan verzweifelt und entschuldigend an. Sie nahm seine Hand und spürte, dass es sowohl ihm, als auch ihr selbst gut tat, die Wärme des anderen zu spüren. Trotzdem war Morcan richtig sauer. Er stand auf, ließ widerstrebend Cassies Hand los, verbeugte sich knapp und meinte: „Ich denke, dass die Antwort auf Eure Frage Euch nichts angeht. Wenn Ihr mich entschuldigen wollt…“ Er verbeugte sich erneut und ging.
Cassie schaute ihm nach. Sie spürte, wie Zorn auf die Weise Lichtelfe in ihr hochkochte. Wie konnte sie es nur wagen? Sie wußte, wenn sie jetzt den Mund aufmachen würde, würde sie Dinge sagen, die sie gar nicht so meinte. So rauschte sie ohne ein weiteres Wort hinaus.
Zurück blieben Ben, Sandy, Xarvos, Mailina und Sha-Ani, die perplex auf die Tür starrten, durch die Cassie und Morcan gerade gegangen waren. Xarvos erholte sich als erster. „Bei allem nötigen Respekt, Sha-Ani, Weise Frau und Hüterin der Geheimnisse, warum habt Ihr das getan?“ Lächelnd wandte sich die angesprochene Lichtelfe zum ihm um. „Manchmal brauchen zwei Liebende einen kleinen Schubser in die richtige Richtung. Und diese Zwei brauchten ihn auf jeden Fall. Vertraut mir einfach. Es gibt nun einmal Dinge, die Euch verschlossen bleiben, die mir aber wie ein offenes Buch vorliegen.“ Die Anwesenden mußten sich mit dieser Antwort zufriedengeben. Da aber ein fröhliches Gespräch nicht mehr aufkommen wollte, verabschiedeten sie sich schon bald. Sie dankten für das leckere Essen und die Informationen. Mailina begleitete sie hinaus. Sie war auch böse auf ihre Ziehmutter und fand nicht, dass sie richtig gehandelt hatte. Als sie zurück in die Wohnstube kam, saß Sha-Ani noch immer auf den Kissen und lächelte sie wissend an. Mailina seufzte. Sie brauchte ihre Gefühle nicht klarzumachen. Wie immer wußte die Weise Lichtelfe, was in ihr vorging. „Glaub mir, Mailina! Es mag Dir dumm und unnötig vorkommen, was ich sagte. Aber ich würde die Hochzeit der Beiden gerne noch erleben. Und meine Zeit ist bald gekommen.“ Damit stand sie auf und drückte Mailina kurz, aber liebevoll an sich. Gemeinsam räumten sie die Stube auf, bevor sie sich zur Ruhe begaben. Die eine glücklich lächelnd, die anderen mit grübelnden Gedanken.
Kapitel 29 – Endlich
Cassie war unterdessen Morcan nachgelaufen. Sie wußte, sie mußte ihn finden! Hektisch schaute sie von rechts nach links, konnte ihn aber nirgendwo entdecken. Sie atmete tief durch, versuchte, die wirbelnden Gedanken in ihrem Kopf zur Ruhe zu bringen. Nachdem ihr das leidlich gelungen war, konzentrierte sie sich auf Morcan. Sie hatte schon mehrfach festgestellt, dass sie, wenn sie sich von ihrem Gefühl leiten ließ, ihn spüren konnte. Seine Nähe und Stimmung. Es half ihr auch diesmal. Sie spürte ihn irgendwo links von sich und folgte ihrem Gefühl. Sie fand Morcan am Zonenwarp. Er saß auf den steinernen Stufen, die zum See hinunterführten und beobachtete das verzerrte Spiegelbild des fast vollen Mondes.
Unschlüssig blieb Cassie einige Schritte hinter ihm stehen. Was, wenn er sie nicht sehen wollte? Wenn er nie daran gedacht hatte, sie zu heiraten? Wenn er sich ein gemeinsames Leben mit ihr nicht vorstellen konnte?
Auch Morcan spürte, dass Cassie sich ihm näherte und dann zögernd irgendwo hinter ihm stehen blieb. Er quälte sich mit den gleichen Gedanken wie sie auch. Er wußte, er liebte sie und er würde nichts lieber tun, als sie zu heiraten. Aber wenn sie nun nicht wollte???
Schließlich fasste er sich ein Herz, drehte sich um und fing an: „Ich möchte Dir was sagen, Kleines!“ Im gleichen Moment hatte auch Cassie ihren Mut zusammengenommen und fing gleichfalls an zu sprechen: „Ich will, dass Du weißt…“ Beide hielten verdutzt inne und fingen dann an zu lachen. Das war nun schon das zweite Mal, dass ihnen das passierte. Das Lachen half ihnen über ihre Unsicherheiten und Ängste hinweg. Jetzt stritten sie sich spaßeshalber, wer denn nun zuerst sprechen sollte und Cassie gewann; also fing Morcan an: „Ich möchte Dir sagen, Kleines, dass ich Dich liebe, dass ich mit Dir zusammen sein möchte und das bis ans Ende unserer Zeit.“ Er schluckte und beobachtete angespannt ihre Reaktion. Da kam erstmal keine und vorsichtig fragte er: „Und was wolltest Du mir sagen?“ Cassie fiel ihm um den Hals und nuschelte dann in sein Ohr: „Genau das gleiche, Morcan!“
Lange Zeit saßen sie dort auf den Steinstufen. Das Wasser plätscherte unter ihren Füßen und der Mond beleuchtete hell ihre glücklichen Gesichter. Als ein leises Zittern durch Cassie ging, fragte Morcan: „Ist Dir kalt, Kleines!“ Und als sie nickte, meinte er: „Dann komm… lass uns zu mir nach Hause gehen.“ Sie ließ sich von ihm hochziehen und beide entschwanden durch den Zonenwarp nach Namari. Ihre Schritte wurden schneller, je näher sie sich Morcans Haus näherten. Die Nacht war empfindlich kalt geworden und beide froren jetzt. Vor der Türe zögerte Cassie jedoch kurz. Sie war noch niemals hier gewesen und bekam ein wenig Angst vor dem, was sie heute Nacht vielleicht noch erwarten würde. Morcan trat über die Schwelle und hielt ihr seine Hand entgegen. Cassie gab sich einen Ruck und ergriff vertrauensvoll die Hand. Sanft zog Morcan sie zu sich und küßte sie zärtlich. Sie spürte ein eigenartiges Kribbeln, das von seinen Lippen auf ihre überging und sich dort durch den ganzen Körper fortpflanzte. Wie von selbst wurden ihre Küsse nun fordernder. Doch Morcan wollte das Spiel nach seinen Regeln spielen. Er wollte sich Zeit lassen und ihr auch. Er wußte, dass Cassie noch keinerlei Erfahrungen hatte, er hingegen schon. So entzog er sich sanft ihren Forderungen, hob sie auf und trug sie ins Badezimmer. Sie wollte was sagen, doch er legte ihr einen Finger auf die Lippen. Seine Augen baten um Geduld und Cassie fügte sich. Die ungewohnte, aber wahnsinnig schöne Anspannung in ihrem Körper schrie zwar nach Erlösung, doch vertrauensvoll überließ sie sich ihrem Morcan.
Dieser entkleidete sie sanft, küsste dabei ihre Schultern, ihren Hals und whisperte liebe Sachen in ihr Ohr. Seine Hände streichelten sie vorsichtig. Cassie hatte mittlerweile die Augen geschlossen, wollte ohne äußere Einflüsse nur diese Gefühle genießen. Sie schwamm in einem Meer aus Zärtlichkeiten. Dann, als sie ganz nackt war, hob Morcan sie hoch und ließ sie sanft in die recht große Badewanne gleiten. Wohlig warmes Wasser umschmeichelte ihren Körper und der Duft von reifen Früchten stieg ihr in die Nase. Noch immer hielt sie die Augen geschlossen, lauschte aber nun auf die sie umgebenden Geräusche. Sie hörte, dass auch Morcan sich entkleidete. Gleich darauf, stieg er hinter ihr in die Wanne, lehnte sich zurück und zog sie sanft zu sich heran. So lagen sie eine Weile in dem warmen Wasser und entspannten ihre durchgefrorenen Glieder. Schließlich stand Morcan auf, trocknete sich ab und half dann auch Cassie aus dem Wasser, um sie mit einem frischen Handtuch abzurubbeln.
Zögernd öffnete Cassie wieder ihre Augen. Sie hatte noch niemals jemanden außerhalb ihrer Rasse nackt gesehen. Wenngleich sie sich ihrer Nacktheit und Weiblichkeit nicht schämte, wußte sie doch nicht, wie sie selbst auf die Nacktheit andere reagieren würde. So konzentrierte sie ihren Blick zunächst ganz auf Morcans Gesicht. In seinen strahlenden Augen konnte sie ihr eigenes Spiegelbild sehen. Dahinter sah sie Liebe, Wärme und auch Begehren. Sie löste sich von seinen Augen und ihr Blick glitt langsam an ihm herab. Über den sanft lächelnden Mund, den schlanken Hals, die muskulösen, aber nicht zu breiten Schultern. Über den Brustkorb, der dazu einlud, sich anzuschmiegen und über die geschmeidigen Armen, die einen dann umschließen würden. Ihr Blick streifte über schmale Hüften und kräftige Oberschenkel. Sein ganzer Körper war, genauso wie ihrer, ganz ohne Haare. Einige Narben entdeckte sie auf ihm, doch sonst war seine Haut fast genauso glatt und gescheidig wie ihre eigene.
Morcan hielt ihrer irgendwie forschenden Musterung lächelnd stand. Sollte sie nun das Tempo bestimmen in einem Abschnitt ihres Lebens, den sie noch nicht kannte. Zögernd näherte sich Cassie ihm, ließ ihrem Blick nun die Fingerspitzen folgen. Morcan erschauerte unter ihren zarten Berührungen, die wie Schmetterlinge über seine Haut streichelten. Ihre absolute Unwissheit, gepaart mit extremer Neugierde erregten ihn unendlich und er hatte Mühe, den Impuls, sie an sich zu reißen, zu unterdrücken. Doch schließlich hielt er es nicht länger aus. Er keuchte und seine Haut glänzte leicht. Sanft nahm er Cassie auf den Arm. Durch das Dunkel der Wohnung trug er sie bis zu seinem Bett und ließ sie sanft auf die Kissen gleiten.
Das Spiel der zwei Körper erlebte alle Facetten, die es zu diesem unvergesslichen und schönen Ereignis machten. Ihre Liebe und Leidenschaft hatte nicht nur ihre Körper erfasst, sondern ließ auch ihre Herzen im Gleichklang schlagen und vereinte selbst ihre Seelen zu einer Einzigen.
Erschöpft aber glücklich sanken beide schließlich in die Kissen zurück. Sie kuschelten sich aneinander und Cassie flüsterte: „Jetzt weiß ich, warum ihr Magier genannt werdet!“ Morcan lächelte in die Dunkelheit. Eine Antwort erübrigte sich, denn Cassie war schon eingeschlafen. Er hauchte ihr einen letzten Kuss auf die Stirn, zog sie näher in seinen Arm und schlief mit den Gedanken an sie ein.
Kapitel 30 – Uuppssss
Cassie erwachte, wie sie eingeschlafen war – in Morcans Armen. Sie kuschelte sich noch dichter an ihn und sog den Duft seines Körpers ein. Je länger sie das tat, umso größer wurde ihr Wunsch, mehr zu wollen. Sie streichelte ihn sanft. Dann pustete sie schwach in sein Ohr. Und als er auch davon nicht aufwachen wollte, begann sie an seinem Ohr zu knabbern. Sie wußte, wie sehr ihm dies gefiel und hatte in dieser Nacht auch feststellen können, welche Reaktionen sie damit hervorrief. Erwartungsgemäß regte er sich. Ohne auch nur einmal die Augen geöffnet zu haben, zog er sie über sich, knabberte an ihrem Hals und streichelte ihren Rücken.
„Willst Du mich heiraten?“ flüsterte er zwischen den Liebkosungen. „Gleich morgen, wenn wir das irgendwie hinbekommen?“ Cassie stützte sich ein wenig auf ihre Arme, um ihm ins Gesicht sehen zu können. „Ja, mein Liebster! Das will ich!“
Und genau diesen Moment suchte Ben sich heraus, um lautstark ins Haus zu platzen. „Huhu, Morcan, Du Schlafmütze! Wie wäre es mal mit aufstehen? Die Sonne steht schon hoch am Himmel und Du schläfst immer noch!“ Völlig ungeniert, wie er es wohl schon so einige Male gemacht haben mochte, öffnete er die Schlafzimmertür, bereit, Morcan die Bettdecke wegzuziehen. Erschrocken erblickte er Cassie, die da auf seinem Freund lag, während Morcan ihn über ihre linke Schulter hinweg direkt anschaute. Aufs peinlichste berührt, stotterte Ben eine Entschuldigung und schloss die Türe hastig wieder. Fassungslos starrte er die Türe vor sich an. Wie hätte er denn damit rechnen sollen?!
Drinnen hörte er Cassie kichern, während Morcan anscheinend brummig war. „Och, sieh nur!“ hörte Ben die noch immer kichernde Lichtelfe. „Passiert das immer, wenn da jemand reinkommt? Dann müssen wir unbedingt Schlösser an den Türen anbringen, damit das nicht mehr vorkommt!“ Ben bekam einen noch röteren Kopf. Er konnte sich lebhaft vorstellen, WAS da passiert war! Leise zog er sich endgültig zurück, um das Haus zu verlassen. Er wollte jetzt lieber nicht in Morcans Nähe sein. Schließlich wußte er um sein aufbrausendes Temperament.
Cassie ließ sich unterdessen nicht weiter stören. Sie fand die ganze Sache einfach nur lustig. So fragte sie jetzt auch ungeniert: „Kann man irgendwas machen, dass es wieder anders wird?“ Morcan war stinksauer auf Ben. Vor allem konnte er Cassie nicht verstehen, die ihn verschmitzt angrinste und sich überhaupt nicht beirren ließ. Im war jegliche Lust vergangen. Doch als Cassies Gesichtsausdruck wechselte und Begehren vor Heiterkeit stand, spürte er, wie seine Wut nachlies. Er antwortete: „Ja, da kann man etwas machen!“ Und dann zeigte er ihr, WAS sie tun könnte.
Angenehm ermattet sanken beide einige Zeit später zurück in die Kissen. Sie wären beide am liebsten den ganzen Tag hier geblieben. Doch es gab noch so einiges zu tun. Cassie wollte zu Sha-Ani und Mailina. Nun, wo feststand, dass sie und Morcan heiraten würden, wollte sie bei den Beiden Beistand erbeten und sie fragen, was sie alles dazu brauchte. Erst recht, wo sie doch schon morgen die Zeremonie durchführen lassen wollten. Da sie sich darauf geeinigt hatten, dass Sha-Ani ihre Priesterin sein sollte, musste diese wohl baldmöglichst informiert werden.
Und auch Morcan wußte, dass er noch einiges vorbereiten mußte. So war es in seiner Rasse z.B. üblich, der Braut ein Gedicht vorzutragen. Da er sich mit sowas aber ziemlich schwer tat, brauchte er unbedingt jemanden, der ihm dabei half. Ben schien ihm da kein geeigneter Kandidat, Sandy aber irgendwie auch nicht. In Gedanken ging er seine ganzen Freunde durch, fand aber niemanden, der ihm dabei vielleicht würde helfen können. Er seufzte. Solange Cassie da neben ihm lag und seinen Bauch streichelte, konnte er ohnehin nicht denken.
Schließlich rafften beide sich auf und verließen in entgegengesetzten Richtungen das Haus. Cassie stürmte regelrecht auf den Zonenwarp zu, während Morcan gemächlich hinaus in die Manari-Felder lief. Ganz an derem Ende gab es eine Taverne. Vielleicht fand er dort die Ruhe, um seine Gedanken sammeln zu können.
Kapitel 31 – Ein Gedicht muss her
Morcan war mittlerweile in der Taverne angekommen. Um die Mittagsstunde herum war hier nicht allzu viel los, so dass er sich einen ruhigen Platz in der hintersten Ecke nehmen konnte. Er bestellte etwas zu trinken und fing an zu grübeln.
Die erste Zeile seines Gedichtes war ihm auf dem Weg hierher eingefallen, doch seitdem kam da irgendwie überhaupt nichts mehr.
„Strahlende Augen in lächelndem Gesicht“
Was reimte sich auf Gesicht? – Wicht? Öhm, das war ja nicht so toll. Und wenn er nun die Worte vertauschte? „Lächelndes Gesicht, mit strahlenden Augen“ – Das hörte sich ja völlig bescheuert an. Er seufzte tief auf. Wie sollte er ein Gedicht zusammenbringen, wenn ihm schon nach der ersten Zeile der Stoff dafür ausging! Finster starrte Morcan das Glas vor ihm an, als könnten in seinen Tiefen die Worte verborgen sein.
„Ach Mann, dass ist doch alles kompletter Mist!“ In seiner Wut über seine eigene Unfähigkeit hatte er nicht bemerkt, dass er laut gesprochen hatte. Erst als neben ihm eine Stimme sagtet: „Bitte, was meintet Ihr?“ ging ihm auf, dass er die Worte nicht nur gedacht hatte. Er wandte sich um. Ein Tisch weiter saß eine Frau seiner Rasse. Sie erschien ihm noch sehr jung zu sein, wie sie ihn da mit fragendem Blick anschaute. Er seufzte und meinte: „Bitte entschuldigt, wenn ich Euch gestört haben sollte. Es war nicht meine Absicht!“ Dann wandte er sich wieder seinem eigentlichen Problem zu. Doch die Magierin gab nicht auf. „Bitte, entschuldigt meinerseits. Aber darf ich fragen, warum ihr so verzweifelt ausseht?“ Morcans Temperament ging mit ihm durch. Er saß hier und grübelte über Verse nach und die dumme Nuss neben ihm lenkte ihn noch zusätzlich ab. So fuhr er sie an: „Nein, ich entschuldige nicht! Ich versuche meiner zukünftigen Ehefrau ein Gedicht zu reimen, komme damit nicht weiter und Ihr fragt mir zusätzlich noch Löcher in den Bauch! Ich bin hierhergekommen, um meine Ruhe zu haben und nicht, mich von jungen Magierfrauen anquatschen zu lassen!“ Jetzt, wo er die Worte gesagt hatte, taten sie ihm schon wieder leid. Andererseits hoffte er, dass dieses vorlaute Ding jetzt beleidigt abziehen und ihn somit in Ruhe lassen würde. Aber er hatte sich getäuscht. Die Magierin zog nur kurz die Augenbrauen hoch und sagte dann: „Ihr scheint wirklich verzweifelt zu sein, um eine Fremde so anzubrüllen. Darf ich Euch helfen? Welche Zeilen habt ihr denn schon?“ Morcan rollte mit den Augen. Warum konnte sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? „Aah… darf ich mich zunächst vorstellen? Mein Name ist Jarinya! Und Ihr heißt..?“ „Morcan!“ brummelte er entnervt. „Ist die glückliche Dame aus unserer Rasse? Wenn nein, aus welchem Volk stammt sie? Und sagt mir doch bitte, welche Verse Ihr bislang gefunden habt!“ Morcan sah ein, dass er diese Jarinya nicht loswerden würde. Er ergab sich in sein Schicksal und sagte mit leicht nörgelnder Stimme: „Ich heirate eine Lichtelfe, deren Name Cassie ist. Und bislang habe ich nur: „Strahlende Augen in lächelndem Gesicht“. Zu mehr bin ich bis jetzt nicht gekommen. Ich wurde unterbrochen!“ Jarinya nahm die Spitze in seinem letztem Satz gar nicht wahr. Sie schloss kurz die Augen, dann trug sie mit klarer Stimme vor:
Leuchtende Augen in strahlendem Gesicht, sind meiner Liebe leuchtendes Licht. Eingefangen von Deiner Liebe und Deinen Küssen, möchte ich diese niemals mehr missen. Meine Seele, mein Herz, mein ganzes Sein, werden Dir gehören, für immer Dein. Mein Leben auf diesem Planeten hier werde ich nur beenden zusammen mit Dir.
Jarinya öffnete die Augen und blickte ihn an. „Na? Wie war das?“ fragte sie spitzbübisch lächelnd.
Morcan war fassungslos. Er saß nun schon ewig hier und grübelte und dieses junge Ding da ratterte in kürzester Zeit die schönsten Verse herunter, als wenn sie diese auswendig gelernt hätte. Er war nicht fähig, auch nur ein Wort zu sagen. „Gefällt es Euch nicht?“ fragte Jarinya und schaute ihn ein wenig ängstlich an. „Wenn Ihr mir ein bisschen Zeit lasst, dann fällt mir vielleicht noch etwas anderes ein!“
Endlich fand Morcan seine Sprache wieder und er stotterte: „Doch, das ist super! Es gefällt mir sehr gut!“ Nachdenklich neigte Jarinya ihren Kopf auf die rechte Schulter. „In Eurem Satz klingt ein „Aber“ mit.“ Morcan fühlte sich ertappt und ärgerte sich. Doch tapfer antwortete er: „Das einzige „Aber“ das mir da im Kopf herumschwebte war: Aber woher könnt Ihr so schnell so schöne Verse dichten? Oder habt ihr es woanders gehört und auswendig gelernt?“ Jarinya lachte als sie das hörte. „Nein natürlich nicht! Sagen wir einfach, dass ich ein Faible dafür habe und mir solche Dinge sehr leicht fallen. Mein einziges Problem bei Gedichten ist meistens die erste Zeile und die konntet Ihr mir ja zum Glück schon liefern!“ Morcan war immer noch ein wenig unschlüssig und Jarinya merkte das. „Worüber macht Ihr Euch Gedanken?“ „Naja,“ meinte er. „es ist ja nun so, dass sich eigentlich der Bräutigam das Gedicht ausdenken muss. Er darf dabei zwar Hilfe annehmen, aber Hilfe kann ich es nicht nennen, wenn Ihr Euch das Gedicht ausgedacht habt.“ Jarinya winkte ab. „Macht Euch darüber keine Gedanken. Ich schenke Euch diese wenigen Worte. Glaubt mir… Ihr seid nicht der Erste, dem ich solche Geschenke mache. Und das gilt auch genauso für weibliche Wesen unserer, wie auch anderer Rassen!“ Morcan dachte darüber nach. Es war ihm immer noch peinlich, dass er kein eigenes Gedicht für Cassie gefunden hatte. Aber jetzt, wo er diese Zeilen gehört hatte, würde er sicherlich überhaupt keine Verse mehr finden. So nickte er und bedankte sich bei Jarinya für das in seinen Augen großzügige Geschenk. „Wollt Ihr es mir bitte noch einmal sagen, damit ich es mir merken kann?“ „Natürlich, gerne!“ antwortete Jarinya. Sie verbrachte nur kurze Zeit damit, ihm das Gedicht beizubringen. Morcan lernte schnell.
Schließlich bedankte er sich noch einmal bei ihr und verabschiedete sich dann. Sein Angebot, sie ebenfalls als Gast auf seiner Hochzeit begrüßen zu dürfen, hatte sie abgelehnt. „Nein, ich danke Euch für die Einladung. Aber ich kenne niemanden und möchte Euch nicht in die Verlegenheit bringen, zu erklären, woher Ihr mich denn kennt!“ Er hatte über Ihren Einwand nachgedacht und mußte ihr rechtgeben. So lächelten sie sich nur zu und dann ging jeder seiner Wege.
Morcan machte sich auf, um den schon etwas angestaubten Anzug seines Vaters aus der Kleiderkiste zu holen. Er klopfte ihn vor der Türe sauber und hing ihn dann erstmal zum lüften nach draußen. Er müffelte irgendwie!
Dann zog er sich zurück und dachte an seine Kleine und überlegte, was sie wohl gerade machte.
Kapitel 32 – Cassies Vorbereitungen
Cassie konnte nicht schnell genug zu Sha-Ani kommen. Sie platzte regelrecht in ihre Wohnung hinein und fiel der verblüfften Mailina lachend um den Hals. Da Mailina solche Ausbrüche mittlerweile gewohnt war, nahm sie sie stoisch hin, lächelte Cassie jedoch fragend an. Diese ging jedoch nicht darauf ein, sondern fragte statt dessen: „Bitte, Mailina. Ist Sha-Ani da?“ Die so Gefragte nickte und deutete in die Küche. Cassie nahm Mailina an die Hand und zog sie hinter sich her. In der Küche angekommen, drängte sie Mailina neben Sha-Ani, während sie selber stehen blieb. Sie hielt sich nicht mehr mit einem Gruß für Sha-Ani auf. Sie glaubte zu platzen, wenn sie die Nachricht nicht sofort und umgehend weitergab. Und so sagte sie freudestrahlend: „Ich war heute Nacht bei Morcan, er hat um meine Hand angehalten, ich habe ja gesagt und morgen wollen wir heiraten, jetzt brauche ich Eure Hilfe und ich bin so glücklich und so aufgeregt und…“ Jetzt musste sie doch Luft holen. Mailina fühlte sich etwas überrumpelt von diesen Neuigkeiten, Sha-Ani jedoch hatte schon wieder so ein wissendes Lächeln auf den Lippen. „Ich habe es gehofft, Sucherin!“ sagte sie.
Cassie ließ sich auf den nächsten Stuhl fallen. Jetzt, wo die Nachricht raus war, wußte sie nicht mehr, was sie zuerst fragen und sagen sollte. Völlig überwältigt von ihrem Glück strahlte sie die zwei Lichtelfen vor sich nur stumm an.
Zum ihrem Glück konnte Sha-Ani sich jedoch denken, was sie alles wissen wollte. Doch zunächst schickte sie Mailina hinaus mit den Worten: „Kannst Du mir bitte holen, was wir vor so vielen Jahren aus dem Hause des Hüters geholt haben?“ Cassie guckte neugierig. Das konnte ja nur etwas aus ihrem Elternhaus sein. Aber was?
Sie brauchte sich nicht lange zu gedulden. Schon bald kam Mailina mit einem in Tücher geschlagenen Paket zurück und legte es liebevoll vor Cassie auf den Tisch. „Was ist das?“ fragte sie. Sha-Ani antwortete: „Dies ist das Hochzeitskleid Deiner Mutter, Cassie. Wir haben es damals, nach der schlimmen Nachricht, aus Deinem Zuhause geholt. Ich hatte gehofft, es Dir eines Tages zu diesem Anlass geben zu können. Du musst wissen, dass dieses Kleid schon seit einigen Generationen in Deiner Familie ist und immer von der Mutter auf die Tochter weitergegeben wird.“ Ehrfürchtig streichelte Cassie über das Paket. Sie hatte immer gedacht, das nichts aus dem Haus geholt worden war und sie selber konnte es damals ja nicht betreten, weil Türen und Fenster geschlossen waren. „Nun pack es schon aus, Cassie. Am besten gehst Du mit Mailina nach nebenan und probierst, ob es passt. Wenn nicht, haben wir für die Änderungen nicht viel Zeit.“ Das ließ Cassie sich nicht zweimal sagen. Sie sprang auf, hob das Paket vorsichtig an und verschwand mit Mailina im Nebenraum. Schon nach kurzer Zeit kam sie zurück. Das Kleid passte wie angegossen. Es schimmerte in hellem Beige und viel weich an ihren schmalen Hüften herunter. Es schien nur ein wenig zu lang zu sein. Doch dann bemerkte Sha-Ani, dass Cassie keine Schuhe trug. Also brauchte es nicht gekürzt zu werden. Cassie wirbelte in ihrem Kleid hin und her, drehte sich und bestaunte es ein ums andere Mal. Es kostete Sha-Ani einige Mühe, ihr klar zu machen, dass sie es wieder ausziehen mußte. Als das endlich geschafft war, besprachen sie den morgigen Tag.
Sha-Ani hatte sich mit großer Freude bereit erklärt, die Zeremonie vorzunehmen. Und Mailina wollte Trauzeuge sein. Den ganzen Tag verbrachten sie mit den Vorbereitungen, Schuhe wurden gekauft, Mailina erhielt neue Kleidung und Sha-Ani holte sogar ihre Plati-Rüstung hervor. Diese wiederum wurde von Cassie ausgiebig bestaunt, die noch niemals so strahlend blaue Rüstungsteile gesehen hatte.
Am späten Nachmittag war alles geklärt. Cassie sollte noch bleiben, doch es zog sie zurück zu Morcan. Und so verabschiedete sie sich und flog zurück in die Namari-Felder.
Bei Morcan angekommen fand sie ihn vor der Eingangstüre auf den Stufen sitzend. Hinter ihm wehte ein dunkler Anzug, von dem Cassie annahm, dass es sein Hochzeitsanzug sei. Er bestätigte dies und fragte dann vorsichtig, ob sie mal daran riechen könnte. Er hätte jetzt schon so oft daran geschnuppert, dass er nicht mehr feststellen konnte, ob er noch müffelte. Cassie lachte und zog, die Nase direkt am Stoff, die Luft ein. Ihr Gesicht verzog sich aufs erbärmlichste. „Meine Güte! Der stinkt ja grausig!“ Morcan guckte entsetzt. Wie sollte er das bloss bis morgen rausbekommen. Dann sah er aus den Augenwinkeln, wie Cassie sich fast die Zunge abbiss, um nicht lachen zu müssen. Er drehte sich zu ihr rum und rief: „Duuuuu…!“ Doch da hatte Cassie sich schon abgewandt und flüchtete lachend ins Haus hinein. Natürlich roch der Anzug nicht mehr, nachdem er nun schon den ganzen Tag an der frischen Luft gehangen hatte. „Dieses kleinen Biest!“ dachte Morcan und hechtete lächelnd hinter ihr her.
Nach dieser kleinen Verfolgungsjagd durchs ganze Haus, fielen beide erschöpft auf die Kissen in der Wohnstube. Nun brauchten sie nur noch auf Ben, Sandy und Xarvos zu warten, die Morcan für heute abend eingeladen hatte, nachdem er aus der Taverne zurückgekehrt war. Schließlich sollten sie an ihrem Glück teilhaben.
Bis spät in die Nacht hörte man die fünf im Hause lachen und feiern. Morcan und Cassie waren sowieso glücklich und die anderen drei freuten sich mit und für das Brautpaar. Schließlich jedoch waren alle so müde, dass sie sich verabschiedeten. Die Brautleute brachten sie noch hinaus und Cassie kuschelte sich in Morcans Arme. Die Aufregung dieses Tages forderte ihren Tribut. Sie schlief fast im Stehen ein. Morcan hob sie hoch und trug sie ins Bett. Augenblicke später lag er neben ihr. Er hätte sich gerne noch ein wenig mit ihr unterhalten, doch sie schlief schon tief und fest. Und ihr kleines Gesicht strahlte sogar hier im Dunkeln des Zimmers vor Glück und Zufriedenheit.
Kapitel 33 – Vorbei
Morcan erwachte vor Cassie und weckte sie liebevoll. Nach einem kurzen Frühstück, welches beide vor Aufregung kaum genießen konnten, trennten sie sich erstmal wieder - unter vielen Küssen und dem hochheiligen Versprechen, sich um Punkt 11.00 Uhr im Kristallraum wiederzusehen.
Während Morcan seinen Anzug anzog und dann auf Ben, Sandy und Xarvos wartete, huschte Cassie in Sha-Anis Haus. Sie zog ihr Brautkleid an und ließ sich anschließend von Mailina die Haare flechten und hochstecken. Es fiel ihr unglaublich schwer, sitzen zu bleiben, so dass Mailina immer wieder einige Strähnen aus der Hand rutschten. Schließlich sah Mailina sich gezwungen, ihr zur Mahnung einen Klaps auf den Kopf zu geben. Von da an zwang sich Cassie, ruhig zu bleiben.
Während Mailina noch mit Cassies Frisur kämpfte, war Sha-Ani schon vorgegangen in den Kristallraum, um dort alles vorzubereiten. Sie hatte einige Lichtelfe mitgenommen, die nun noch einmal den Boden schrubben mussten. Anschließend verteilten sie die Blumengestecke im Raum und halfen Sha-Ani in ihre beste Kleidung. Schon bald darauf erschienen die ersten Neugierigen, denn Hochzeiten zwischen zwei verschiedenen Rassen waren nicht alltäglich. Es hatte sich ohnehin schnell rumgesprochen und so kamen auch viele Freunde von den Beiden und diese wiederum brachten ihre Freunde mit. Der Kristallraum füllte sich zusehends. Sha-Ani sah dies mit Freude, denn es schien ihr ein gutes Zeichen zu sein für die Zukunft der beiden Liebenden.
Schließlich schickte sie die Hälfte der mitgenommenen Lichtelfen nach Nuro. Sie waren die Ehrenbegleitung für Cassie und hatten die Pflicht, sie sicher in die Burg Maldin zu begleiten. Die andere Hälfte postierte sie so vor dem Kristallraum, das ein kleiner Gang entstand, durch die zunächst Cassie und etwas später Morcan treten mussten. Das war Tradition bei Lichtelfen-Hochzeiten, ebenso wie es Tradition war, dass die Braut vor dem Bräutigam da war.
Sha-Ani merkte, dass sie selber ziemlich aufgeregt war. So mäkelte sie an einer Lichtelfe rum, obwohl es gar nichts an ihr auszusetzen gab. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich kurz auf ihr Innerstes und schnaufte vier mal tief durch. Dann entschuldigte sie sich bei der Lichtelfe, die sie angegiftet hatte und trat zurück an ihren Platz im Kristallraum.
Einige Zeit später schallten die ersten Hochrufe an ihr Ohr. Cassie, strahlend schön im weich fallenden Kleid ihrer Mutter, war in der Burg angekommen. Drei Lichtelfen liefen vor ihr, sechs weitere hinter ihr. Sie trat durch das Spalier der vor dem Raum stehenden Lichtelfen und ging auf Sha-Ani zu. Sie wusste, dass sie zu früh war. Aber sie hatte es einfach nicht länger ausgehalten. Sha-Ani lächelte ihr zu. Sie konnte sich gut vorstellen, wie es der Sucherin erging. Bei dem Gedanken mußte sie plötzlich an ihre allererste Begegnung denken. Sie hatte damals gesehen, dass Cassie immer auf einer Suche sein würde und hatte ihr daher den Titel Sucherin verpasst. Aber wenn sie jetzt so darüber nachdachte, hatte Cassie gar nicht wirklich gesucht. Oder doch? Hatte sie sich geirrt? Sollte sie zu alt geworden sein, um die Bilder in ihrem Inneren richtig zu deuten? Vielleicht sollte sie ihr Amt doch endlich an Destiny abgeben. Diese hatte sich während ihrer Abwesenheit sehr gut bewährt. Und außerdem fühlte sie sich oft so müde. Und der lange Aufenthalt in Yaars hatte ihr auch nicht gut getan. Sie seufzte leise und bemerkte, dass Cassie sie fragend anschaute. Erschrocken sammelte sie sich und verscheuchte ihre Gedanken. Solche Dinge hatten auf einer Hochzeit nun wirklich nichts zu suchen. Sie konzentrierte sich auf die unruhige Cassie vor ihr und lächelte ihr noch einmal aufmunternd, aber auch beruhigend zu.
Als Cassie schon dachte, sie würde es nicht mehr aushalten, kam die geflüsterte Nachricht, dass Morcan auf dem Wege sei. Alles an und in ihr kribbelte und sie konnte kaum stillstehen. Dann plötzlich schlug die Stimmung um. Wie eine Welle ging ein erschrockenes Raunen durch den Raum. „Der Brigant!“ hörte Cassie schließlich aus dem Raunen heraus und eine eiskalte Hand umfasste ihr Herz. Eine nächste Welle peitschte den Raum, aus dem Raunen war entsetztes Geflüster geworden und der Raum hallte wieder von den zwei geflüsterten Worten. „Der Brigant! – Der Brigant!“
Schon kam die nächste Welle an, kein Geflüster mehr, kein Raunen… laute Schreie drangen von außerhalb bis in den Kristallraum. Cassie verspürte einen tiefen Stich in ihrem Herzen und sie brach fast zusammen. Im Bruchteil eines Wimpernschlages gingen ihr alles durch den Kopf, was sie über den Briganten wußte.
Der Brigant: Ein riesiges Wesen, so groß wie drei aufrechtstehende Männer. Ein mörderisches Wesen, dessen Waffe aus raketenähnlichen Geschossen aus Feuer bestand. Ein Wesen, dass ohne Vorwarnung irgendwo in Nuro auftauchte, eine Spur der Verwüstung hinter sich ließ und dann genauso plötzlich wieder verschwand, als hätte es ihn nie gegeben. Ein Wesen, gepanzert von Kopf bis Fuß, nicht einmal die Augen waren ungeschützt. Sofern es überhaupt Augen hatte, denn ein Helm mit spiegelder Oberfläche bedeckte seinen Kopf. Ein Wesen, vor dem es kein Entrinnen gab. Sein Feuer war so mächtig, dass es selbst im Wasser alles verheerte, was sich dort in Sicherheit zu bringen versuchte.
Cassie fühlte einen neuen Stich und plötzlich wußte sie, was das bedeutete. „Moooooorcaaaaaaaan!“ schrie sie, drehte sich um und flog pfeilschnell aus dem Kristallraum hinaus. Sha-Ani hatte im gleichen Moment gespürt, was das alles bedeuten könnte und hatte nach Cassie gegriffen, um sie festzuhalten. Doch die verzweifelte Lichtelfe war schneller gewesen. Mailina hetzte hinter ihr her, doch auch sie bekam sie nicht mehr zu fassen.
Angst und Entsetzen verliehen Cassie eine Geschwindigkeit, die sie fast verschwimmen ließ. Sie erreichte das Ende des Kristallraumes, dann den Burghof und flog ungehindert auf das westliche Burgtor zu. Schon sah sie den Briganten, wie er mit stampfenden Schritten eine Gruppe verfolgte und dabei immer wieder sein Feuer auf sie niederbrennen ließ. Ihr Herz krampfte sich noch mehr zusammen, als ihre Augen ihr zeigten, was ihr Herz schon gespürt hatte. Dort, mitten in der Gruppe, rannte Morcan um sein Leben und sie wußte, dass er verlieren würde. Sie trat durch das Tor, schrie ihre Angst und Verzweiflung hinaus, wollte auf Morcan zurennen und wurde abrupt gestoppt. Zwei Hände griffen nach ihr, hielte sie eisern an den Armen fest. Blind vor Schmerz trat und schlug sie nach dem Unbekannten, den sie nicht erkennen konnte. Doch dieser hielt sie fest, schlug nun auch die Arme um sie und drehte sie so, dass sie nicht mehr auf das Feld hinaus sehen konnte. Sie schrie los, wütete, um dem Klammergriff zu entkommen und brach schließlich haltlos zusammen.
Garion ließ sie langsam zu Boden gleiten. Er war es gewesen, der sie festgehalten hatte. Er hatte sich in die Burg geschlichen. Auch wenn es ihm wehtat, wollte er den schönsten Augenblick in Cassies Leben nicht verpassen. Er hatte sich direkt unter der Brücke versteckt, um erst hinter Morcan einzutreten, der einige Längen hinter ihm im Kreise seiner Freunde ging, als er das rythmische Stampfen hörte und das Beben der Erde spürte. Mit einem Satz brachte er sich hinter den Burgtoren in Sicherheit. Er hatte dieses Stampfen schon zu oft gehört, um diesem zwangsweise antrainierten Reflex nicht nachgeben zu können. In der relativen Sicherheit sah er den Briganten in der Ferne auftauchen, sah die entsetzten Gesichter Morcans und seiner Freunde und konnte nachfühlen, warum der erste Schrecken sie zur Unbeweglichkeit verdammte. Eine Unbeweglichkeit, die er sich abgewöhnt hatte, weil sie immer den eigenen Untergang einläutete. Sie kostete einfach zuviel wertvolle Zeit! Zeit, die nötig war, um die Chance, sich in Sicherheit bringen zu können, zu erhöhen. Sie hatten diese Chance nicht. Er wußte es und er fühlte sich verdammt mies dabei. Noch während er hinter den Toren kauerte hörte er Cassies Schrei. Ein Schrei, der ihm das Blut gefrieren und ihn leichenblass werden ließ. Und dann sah er sie, wie sie, blind vor Schmerz aus dem Tor stürmen wollte. Ohne darüber nachzudenken, griff er nach ihr und hielt sie fest. Er ignorierte die Schmerzen, die sie ihm zufügte. Hatte nur den Wunsch, sie davon abzuhalten, in ihr Verderben zu fliegen. Und als sie in seinen Armen zusammensank, ließ er sie sanft zu Boden gleiten. Todesschreie hallten an sein Ohr und er wandte das Gesicht ab. Wollte nicht sehen, was dort draußen geschah.
In dem Moment sprang Cassie wie von einer Feder hochgeschnellt auf und entwischte ihm. Erschrocken nahm er wahr, dass sie die Ohnmacht nur gespielt hatte.
Als Cassie begriff, dass der ihr noch immer Unbekannte sie nicht loslassen würde, täuschte sie eine Ohnmacht vor. Sie setzte alles auf eine Karte und gewann. Seine Aufmerksam ließ nach, sein Griff lockerte sich. Sie spannte die Muskeln an, schnellte sich hoch und flog los. Sie hörte die Schreie der anderen, spürte, wie der Unbekannte nach ihr griff, sie aber nicht erwischte. Sie flog so schnell sie ihre Flügel trugen auf den Briganten zu. Schrie ihn an, wedelte mit den Armen und tat alles, um ihn von Morcan abzulenken, der als letzter übrig geblieben war. Tatsächlich wandte der Brigant sich von Morcan ab. Mit einem fast nebensächlich wirkenden Wink schickte er drei Feuerraketen auf die Lichtelfe los… und alle trafen. Nun blieb Morcan das Herz im Leibe stehen. Mit einem unmenschlichen Schrei rannte er auf die am Boden liegende Cassie zu und beugte sich über sie. Sie lebte noch. Vorsichtig hob er ihren Kopf an und Tränen rannen aus seinen Augen und netzten ihr Gesicht. Cassie schlug noch einmal die Augen auf und lächelte, als sie ihn erkannte. Morcan erwiderte das Lächeln, obwohl ihm überhaupt nicht danach war. Doch da er wußte, dass sie bald sterben würde, machte er ihr sein Lächeln zum Abschiedsgeschenk. Der Brigant war vergessen. Und so nahmen beide das Lächeln des anderen mit hinüber in den Tod, als auch Morcans Leben durch Feuer ausgelöscht wurde.
Ein letzter Blick des Briganten, dann verschwand er so schnell, wie er den Tod gebracht hatte.
Zurück ließ er weinende Menschen, die voller Trauer und Schmerz, Verzweiflung und Wut auf die zwei Menschen niederstarrten, die nicht im Leben, sondern nur im Tode vereint sein würden.
Seit diesem Tag sieht man manchmal, wenn die See ganz rauh ist und Blitz und Donner die Erde erschüttern, dort vor der alten Blockhütte des Hüters der Insel den Geist einer Lichtelfe, die bittere Tränen vergießt. Tränen des Verlustes und Tränen des Schmerzes. Und an diesen Tagen sind man immer einen männlichen Lichtelfen, der verloren um diese Hütte schleicht und dessen Tränen sich mit dem Regen und denen der Geisterlichtelfe vermischen.